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9.
Peraine

Wir Kinder vom Stadttor Fluss

Leseprobe aus dem Roman &Neue Hoffnung für die Toten& von Wenja aus der Riedburg, der von den Abenteuern des berüchtigten Detektives Ignazius Nuendo berichtet. Angeblich basierend auf einer wahren Begebenheit wurden der Autorin einige künstlerische Freiheiten gewährt. Erste und einzige Auflage.

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Es war ein regnerischer Tag, als ich zum ersten Mal jene Frau traf, die mein Leben für immer verändern sollte. Eigentlich war es gar nicht regnerisch, sondern nur warm und etwas windig, aber es kam mir so vor, weil ich nur wenige Stunden zuvor einen Kronzeugen in meinem neuesten Fall verloren hatte. Die Welt hat die sonderbare Eigenschaft so farblos wie hochprozentiger Alkohol zu wirken, wenn wir uns schlecht fühlen.

Ich hatte einen Dieb verfolgt, der ein magisches Massaker ausgelöst hatte, aber leider mit dem gestohlenen Gegenstand entkam, nach dem er mich niedergeschlagen hatte. Es war nicht das erste Mal, dass ich mit dem Gesicht in der Gosse aufgewacht war und natürlich versuchte ich, diese Erinnerung mithilfe von Meskinnes etwas aufzuhübschen. Es gelang mir nur bedingt.
Vielleicht war es der Einfluss des eben erwähnten hilfreichen Getränkes, der mich unaufmerksam werden ließ, aber ich bemerkte sie zuerst, als sie bereits beinahe in uns rannte. Sie war umwerfend und sollte sich als entscheidend für meine weitere Karriere erweisen, aber das war mir da natürlich noch nicht bewusst. Ihre Augen funkelten wie die Scherben einer Bierflasche, die man jemandem in einer Barschlägerei über den Kopf gezogen hatte. Ihr Lächeln war so breit wie ein Praiosgeweihter zur Glanzzeit der Priesterkaiser oder eine Hexe während des alljährlichen Hexentreffens. Ihre Haare ähnelten farblich leicht vergammeltem Stroh, auf dem man wegen seiner weicheren Konsistenz angenehmer nächtigen konnte und sie hatte Beine, die so lang waren, dass sie bis zum Boden reichten.

Sie warf uns kurz einige Worte zu, die auf dem Weg von meinen Ohren in mein alkoholvernebeltes Gehirn leider die Richtung vergaßen und mich nicht erreichten, dann war sie bereits wieder verschwunden.
Ich muss zugeben, dass ich zu diesem Zeitpunkt trotz ihres umwerfenden Aussehens keinen weiteren Gedanken an sie verschwendete, denn ich musste mich auf das anstehende Gespräch mit ihro Gnaden, der Adelsmarschallin Nadjescha von Leuenfurten vorbereiten. Sie hatte sicher ein Hühnchen mit uns zu rupfen, bezüglich des Tipps mit dem Flüchtigen, den mein Assistent Kolja ihr voreilig zukommen ließ. Er war ein guter Junge, aber die Arbeit als Detektiv war nicht einfach. Man musste das richtige Timing kennen, dachte ich, während ich mir ein Pfefferminz einwarf und vergeblich versuchte, etwas Senf von meinem Mantel zu entfernen, um für das Treffen mit der Dame von Leuenfurten bereit zu sein.

Dort angekommen erwarteten mich und meine Assistenten mehr Leute als... erwartet. Meine Augen haben Schwierigkeiten, sich an der roten Nase vorbei auf die Gestalten zu fixieren, aber nach einigen wenigen Minuten erkenne ich zumindest eine.
Es ist Zadan von Norburg, der Gehilfe... Sekretär... irgendwas mit der Adelsmarschallin zu tun hat.
Die anderen beiden Damen waren mir nicht bekannt, aber sie wurden uns bald vorgestellt.
Bei der ersten, einer Rahjageweihten oder &Dame der Nacht&, wie wir früher bei der Sitte immer gesagt hatten, handelte es sich um Mirivan, die angeblich die Beziehungen zum Haus Ilmenstein kitten solle. Ich konnte mir billigere und gesittetere Alternativen vorstellen, verkniff mir allerdings, sie vor der Adelsmarschallin aufzuzählen. Die zweite Dame wurde als Natascha Petrilowska bezeichnet und war angeblich eine Stadträtin. Ich versuchte kurz, ihren Namen in den alleswissenden Aktenschrank in meinem Gehirn einzuordnen, aber gab nach kurzem Kampf mit den Buchstaben auf und legte sie unter Natascha P. ab.

Während meines Ringkampfes mit dem fremdartigen Ungetüm das sich als wichtiger Name kostümierte, war das Gespräch erstaunlich weit vorgeschritten, sogar ohne meine Hilfe.
Meine Assistenten hatten in der Zwischenzeit eine Liste mit Zielen zusammengestellt, die langen Stunden in denen ich ihnen den Papierkram delegiert hatte schienen sich auszuzahlen. Wir suchten die drei Giftverbreiter, die uns beschrieben wurden, eine ominöse Bardin und den flüchtigen Zwerg, der mich damals ordentlich im Regen hatte stehen lassen. Nun ja, liegen. Und im Sonnenschein.

Wie auch immer, bei der Aufzählung der schwarzen Schafe schienen die Anstrengungen oder die alkoholischen Getränke des Tages ihren Tribut zu fordern, denn ich döste weg.
Glücklicherweise erlangte ich mein Bewusstsein zurück als wir die Unterkünfte des verstorbenen Herren Wahnfried von Ask untersuchten. Der respektable Adelige, der meinen Glauben an die Unzuverlässigkeit der Höherstehenden erschüttert hatte, war ehrenvoll gestorben, als er sich einer Übermacht Verrücktgewordener erwehrt hatte.
Während ich meine Gedanken etwas schleifen ließ, stolperte ich und hielt mich an einem Stück Tuch fest, dass sich als ebenso unzuverlässig erwies wie mein Kurzzeitgedächtnis, denn es ließ mich fallen wie meine Ex-Frau, nachdem ich meine Detektei eröffnet hatte.

Dahinter kamen einige Waffenröcke zum Vorschein, die farblich auf den Korsmalbund abgestimmt und mit dem Symbol einer neunfingrigen Klaue verziert waren. Mein Assistent Bolgar hatte in der Zwischenzeit einige Papiere durchgesehen und belastendes Material gefunden. Er hatte eben vom Besten gelernt.
Es waren Schriftstücke gegen den verräterischen Wahnfried, der, wie alle Angehörige seiner Zunft, absolut vertrauensunwürdig war. So hatte er den Orden der Jagd dem Korsmalbund unterstellen und sich selbst zum obersten Anführer ausrufen lassen wollen. Je ein Brief war an Zardan Boswani und Tjelka Parenkis adressiert, die einzigen überlebenden Ordensmitglieder des Massakers, an dem der schändliche Wahnfried nicht unbeteiligt war.

Eine Aussage von meinem Assistenten Bolgar inspirierte mich zu einem tiefgründigen Gedankengang, bis ich zu dem Schluss kam, dass ein Brief der nicht abgeschickt wird, als Tagebuchseite zu bezeichnen ist.
Über meine tiefsinnigen Gedanken hatte ich die weiteren Entwicklungen überhört und war überrascht, als ich mich mit meinen Assistenten im Gasthaus Wolfsruh wiederfand. Dort übergab Zeran gerade einem harmlosen alten Mann einige Silberstücke. Anscheinend hatte sich sein sonst so steinhartes Herz erweichen lassen, einige Almosen zu verteilen, denn er tat dasselbe bei einer Bardame, die offenbar auf meinen Assistenten Kolja stand, denn sie machte ihm ordentliche Avancen.
Ihre Figur ähnelte einer Sanduhr, denn im Laufe der Zeit war gravitationsbedingt alles nach unten gewandert. Das Salatstück, das sich irgendwie an ihrem verbliebenen Zahn verhakt hatte, komplimentierte farblich ihr braunes Auge, deutete aber auch auf ihre gesunde und reichhaltige Ernährung hin, für den Fall, dass der Betrachter ihren schürzenbedeckten Bauch mit dem Tisch verwechselt hatte. Mein Assistent Kolja schien nicht beeindruckt, aber ich war mir sicher, dass sie irgendwann jemanden sehr glücklich machen würde. Wahrscheinlich eine Großfamilie von Kannibalen.

Immerhin machte sie mich mit einem Zwerg bekannt, dessen Beschreibung wir bereits des Öfteren gehört hatten und der uns einige Hinweise liefern konnte, vor allem bezüglich des flüchtigen Schilddiebes.

Es ist auch zu erwähnen, dass keine der Bier- und Weinproben in der Taverne Spuren des Giftes enthielt. Ich hatte während des Gespräches vorsorglich einige von ihnen getestet und begab mich deshalb mit leichtem Seegang in Richtung meines nächsten Zieles.
Auf dem Weg in das abgebrannte Viertel schaffte ich es nicht immer den Norburger Souvenirs auf der Straße auszuweichen und zu meinem Grauen schienen sich meine Assistenten verdoppelt zu haben. In mir machte sich die Vermutung breit, dass ich möglicherweise doch vergiftet worden war, also übergab ich mich sicherheitshalber in den Straßengraben, warf mir ein Pfefferminz ein und setzte meinen Weg mit neuer Entschlossenheit fort.

Bald kam ich an meinem Ziel an, dem verrammelten Flusstor inmitten des zerstörten Viertels.
Ich sah mich gerade nach eventuellen Verfolgern um, als ich mich zwecks unerwarteter Mobilität der Welt um mich herum haltesuchend an die Wand lehnte. Die schloss sich dank Gruppenzwang der Realität an und begann sich zu bewegen, was bei genauerem Hinsehen offenbarte, dass es sich um eine Tür handelte, die nur zugenagelt aussah.

Ich richtete mich vom Boden auf und sah mich um. Beeindruckt von meiner unfehlbaren Spürnase eilte sofort mein Assistent Kolja heran, dem ich es überließ, selbst die Spuren zu finden, die sich uns offenbart hatten. Er kam zu dem Schluss, dass sich hier ein Zwerg aufgehalten haben musste. Meine Lehrmethoden schienen sich bezahlt zu machen.

Aufgrund der Leere des Raumes schlussfolgerte ich sodann, dass der Zwerg sich nicht mehr hier befinden konnte und begann, die Umgebung genauer unter die Lupe zu nehmen. Leider erwies sich das Areal als größer als angenommen, weshalb ich meinem Assistenten Bolgar befahl, die planlose Suche abzubrechen und zu meinen anderen Assistenten zurückzukehren. Diese hatten den Unterschlupf des durchtriebenen Kleinwüchsigen im Auge behalten und ich befahl meinen Assistenten Bolgar und Kolja, die Nacht hier zu verbringen, sollte der Schuft zurückkehren.

Sodann schnappte ich mir meinen Assistenten Zeran, um ihm die Zeugenbefragung näherzubringen. Wir machten uns auf zum Marbidenhaus, in dessen Nähe der Verdächtige gesichtet worden war.
Der erste Boronsgeweihte zeigte sich als ausgesprochen verschwiegen, was ihn in meinen Augen sofort verdächtig machte. Ich verzichtete darauf, seine korrupte Zunge mit einem Kupferstück zu lockern und nahm den nächsten ins Kreuzverhör. Auch dieser war mir keine große Hilfe und ich konnte sehen, dass bei meinem Assistenten der Groschen langsam wie durch Molasse fiel, bis er mit dem Schluss zu mir kam, dass der Gesuchte sich hier nicht aufgehalten hatte. Ich war stolz auf ihn, hatte ich ja bereits denselben Gedanken gehabt. Die Tatsache, dass der Borongeweihte unter meinen Fragen nicht eingeknickt war, war ein eindeutiges Indiz gewesen.

Wir machten uns auf den Weg zu unserer nächsten Zeugin und erreichten bald das Gasthaus Wolfsruh. Die einarmige Wirtin erkannte uns sogleich wieder, dabei waren wir doch höchstens zwei- bis dreimal am Tag dagewesen und brachte uns das Übliche. Nun, der Arm des Gesetzes endet manchmal in einer Hand, die ein Glas Wein hält und nach den anstrengenden Ermittlungen hatte ich mir etwas Entspannung verdient.


Ich hatte gerade das Glas abgesetzt, als mein Blick durch die Menge ihr Gesicht erspähte. Es war dieselbe Dame die uns bereits vorher auf der Straße begegnet war und es schien so, als sah sie nur mich und zwinkerte mir zu. Ich war sofort in ihrem Bann. Ich beschloss, die Befragung vorzuziehen, warf mir zwei Pfefferminz und zerrte den wiederstrebenden Zeran vorbei an den drei anderen Gästen der Taverne.


Ich ließ meinen Charme spielen, unterdrückte einen Rülpser und begrüßte sie mit den Worten: &Hallo schöne Frau. Sind sie häufiger hier?&, woraufhin sie die Nase rümpfte. Wahrscheinlich hatte Zerans ungewöhnliche Erscheinung sie verunsichert. Sie stellte sich als Miljane vor und sogar ihr Name entfachte Verlangen in mir, wenn auch verwirrenderweise nach Gebäck.
Wir unterhielten uns noch eine ganze Weile, in der es so stark funkte, dass einige der älteren Norbuger vorsichtshalber schon einmal die Dächer der umliegenden Gebäude befeuchteten, bevor wir uns leider trennen mussten, damit sie ihre Vorstellung beginnen konnte. Auch wenn mich das Gespräch nicht wirklich weitergebracht hatte, so hatte ich doch das Gefühl, dass sie ihre Lieder nur für mich zum Besten gab und mir den Großteil des Augenkontaktes schenkte, wenn die Atmosphäre auch etwas von den Würgegeräuschen gestört wurde, die hinter der Außentür erklangen durch die Zeran verschwunden war.

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Ende der Leseprobe. Für mehr bitte das Buch kaufen.

Erstellt von Benjamin
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