1039
30.
Boron

Von Praios Gerechtigkeit und Phexens Schläue

Meine Klinge, meine Taten,

sollen singen Dir von Ehr' und Ruhm.

Nicht eher will ich halten,

nicht eher will ich ruh'n.

Diese Niederschrift soll getreulich wiedergeben, was uns geschah im Boronsmond Anno 1039. Beim Licht des Götterfürsten und bei der Ehre der Leuin, ich berichte, wie ich es erlebte oder wie es mir aus erster Hand berichtet wurde.

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Am Erdstag, den 30. Boron

Nachdem seine Hochwürden, Abt-Baron Jelomir von Korswandt, im Burgfried verschwunden war, brachten der Herr Lugwin und meine Wenigkeit die Pferde zum Stall, damit sie abgesattelt, gefüttert und gepflegt würden. Das Reittier eines Ritters ist sein höchstes Gut und sein wichtigster Freund.

Bei der Sonnenlegionärin Marissja war mein treues Schlachtross jedoch in guten Händen. In Marissja schlug das Herze ienr Kämpferin aber vor allem das Herz einer Reiterin.

Dann wurden wir auch schon zum Abt-Baron gebracht. Mit kurzen Worten umriss ich die bisherige Vorgeschichte und mit einigem Zwischenfragen des Herrn Baron und einigen Einwürfen des Herren Lugwin erschloss sich sodann dem Herrn Baron die ganze Tragweite der Geschichte. In seines Herren Praios glänzender Weisheit durchdrang er das Geflecht, doch ebenso scharfsinnig deckte er noch all die Lücken auf, die auch uns nur allzu schmerzlich bewusst waren. Was konnte einen Streiter der Leuin zu solch abscheulichen Taten verleiten, wie es den Anschein zu haben schien? Waren diese Norbarden, die uns zwar raffgierig aber durchaus rechtschaffen erschienen, wirklich bloße Opfer, wie sie sich darstellten? Und auch von der laienhaften Anmaßung einer magischen Stätte, wie wir sie im Wald vorgefunden hatten, konnten wir ihn ohne einer fundierten Zeugenaussage nicht überzeugen. Und sollte die verehrte Frau Rashka, so denn meine Vermutungen und Beobachtungen sich als richtig erweisen sollten, wirklich zur Zunft der Hexenweiber gehören, sollte dies niemals der Herr Abt-Baron erfahren oder wir hätten zwei Gefangene aus dem Gelass zu befreien.

Erhellen konnte uns das Gespräch auch nicht weiter. Seine Hochwürden Jelomir wusste nichts von irgendwelchen Fackeln, die von seinem Turm aus Zeichen in das Umland schicken könnten und die Einweisungen der letzten Zeit schienen ebenso mehr als bedenkenlos in seinen Augen. Nein, einen Verräter, der zu einer solch ehrlosen Band an Brandschatzern und Mördern hielt, das würde es in seiner Burg wohl nicht gebe. Der Herr Lugwin und ich begaben uns sodann hinaus und zum Speisesaal, um mit der Weitsicht, die die Herrin Hesinde schenkt und Umsicht, die dem Herrn Phex wohlgefällig wäre, unsere Nachforschungen weiterzutreiben und erhellung zu finden, was unserem Geist noch verborgen war.

Unterdess hatte sich der Herr Innuendo selbst von der Lichtung durch den Wald geschlagen und war im Dorf Korswandt zu Füßen der Burg angekommen. Die klägliche Ansammlungen von Hütten vermochte ihm jedoch nicht zu Helfen und so machte er sich den weiten und Beschwerlichen Weg zur Burg hinauf. Am Tore angekommen, gab sich der gewitzte Bursche sodann als ein Hexenjäger aus, um sich als potenzieller Insasse die Anstalt von Innen genauer anzusehen. So erzählte er uns später, wäre sein Plan gewesen, denn als Insasse würde er sicherlich anderes zu hören uns zu sehen bekommen, denn wer achtete schon, was er einem Verrückten erzählte oder zeigte, wer würde dem armen Tropf sodenn glauben? Aufs erfolgreichste Überzeugte er den Abt-Baron und gab auch vor den Brüdern eine so vortreffliche Vorstellung, dass er sogleich sein eigenes Zimmer bekam und sich nun unverdächtig gänzlich frei bewegen konnte.

Hier sein nun eine kurze Zusammenfassung unseres Tages und den Recherchen angegeben, die wir an diesem ersten Tag anstellten.

Zuvorderst sei hierbei Bruder Rochnow genannt. Von wohlgenährter Statur, die schwarzen Haare auf dem Haupt säuberlich zur Tonsur geschoren, schien hier beinahe der Stellvertreter des Herrn Abt-Barons zu sein. Ihm oblag die Pflege der schweren Fälle im Gelass und die Aufnahme neuer Besucher. Von ihm erhielten wir eine Aufzählung der zuletzt eingewiesenen Insassen der Burg. Ebenso stellte er sich auch dem Herrn Lugwin zur Begleitung, falls dieser im Gelass einen der Insassen aufsuchen wollte.

Sodann lernten wir den Bruder Vitek kennen. Er war rüstig, doch schon langsam am hinteren Ende seiner Lebensspanne angekommen. Seine grauen Haare waren ordentlich gekämmt und seine Wangen glatt rasiert, doch seine rote Nase und seine aufgedunsenen Wangen sagten uns, dass man sich getrost an ihn wenden konnte, sollte man einen guten Tropfen von Rahjas lieblichem Geschenk suchen. Er war als Meister der seelischen Heilung hier in der Burg bekannt und ihm oblag die Entscheidung, was einem Insassen bekömmlich und zuträglich war.

Sodann identifizierten wir die nachfolgenden Insassen als diejenigen, die es näher zu untersuchen galt.

Als erstes wäre dabei der werte Neesdan von Schlüsselfels-Dornacker. Derselbige hielt sich für den Adelsmarschall von Ruckenau höchst persönlich. Sein Gebahren, seine herrschaftliche Art, seine Rede, hätte ich meine Augen geschlossen, ich hätte wieder die durchscheinende Gestalt des Grafen selbst vor mir gesehen, wie er uns im Moor erschienen war. Als er jedoch Anspruch auf das Schwert an meiner Seite, das mir im Sumpf zu eigen geworden war, beanspruchen wollte, trat ich doch lieber den taktischen Rückzug an. So viel er auch über den Graf zu wissen schien, sein Geist war auf Golgaris Schwingen zur ewigen Ruhe bei den Göttern aufgefahren.

Als nächstes sei Ihre Hochgeboren Therinja von Ilmenstein, die dritte dieses Namens, zu erwähnen. Sie war von zerbrechlicher Natur, zierlich, ihre Haut beinahe durchscheinend, schien sie in ihrem hellen Gewand beinahe ätherisch und nicht von dieser Welt. Ebenso zerbrechlich erschien auch ihr Geist. Selbst die meisterlichen Erzählkünste des Herrn Lugwin konnten ihr kaum eine Regung entlocken. Er wurde sodann jedoch Zeuge einer Besessenheit, die diese Burg nun schon seit einer kurzen Weile heimsuchte, und in dem zarten Geist des Adligen ein leichtes Opfer fand. In einer alten, goblinisch anmutenden Sprache, zusammengesunken wie ein altes Weibe, starrte die kunge Frau, beinahe noch ein Kind, ins leer und sprach die folgenden, so schicksalshaft scheinenden Worte:
“Ehret die Tradition, indem ihr sie vergesst. Das Leben ist der höchsten Güter nicht. Nicht die Väter, sondern die Mütter werden siegen. Dein Mut sei klein und deine Taten leer.”

Doch auch dies war lediglich ein weiteres Mysterium, das zur Verwirrung als zur Aufklärung diente.

Weiter weckten die Insassen namens Travine und Enjan unsere Aufmerksamkeit, gingen diesen Tag jedoch ohne persönliche Audienz daher.

Auch den Turm untersuchten wir aufs genaueste. Auf dem Dach waren einige Spuren zu entdecken. Die Spuren wiesen auf einen Mann, etwa in meiner Größe doch mit mehr Gewicht hin und zudem war es sichtlich keiner der Legionäre gewesen, denn diese trugen die schweren Lederstiefel der Krieger und die Spuren waren von leichten, biegsamen Schuhen. In einem alten Taubenverschlag fand ich des weiteren einige Fackeln, sowie Tücher, Gerümpelstapel und Tonkrüge voller Pech. Damit ließe sich auf bei diesen winterlichen Verhältnisse ein gar vortreffliches Feuer entzünden, dass weithin sichtbar wäre. Könnte dies das Leuchtfeuer sein, das auf dieser Kerze vermerkt worden war? Es war zumindest höchst bemerkenswert und vielleicht ließe es sich für eine List unseres Freundes Innuendo nutzen, damit dieser mit seiner Schläue den Schuldigen und Mitverschwörer in dieser Burg ausfindig machen und seiner Schandtat überführen konnte.

Sodann neigte sich dieser erste, ereignisreiche Tag dem Ende zu. Nachdem der Herr Lugwin mir aus meiner Rüstung geholfen hatte, begaben wir uns zum Abendessen, wo wir den Sonnenlegionären Marissja und Ilbin Gesellschaft leisteten. Sie bestätigten uns ebenso, dass der Inhalt des Holzverschlages doch höchst ungewöhnlich sei.

Als wir nach dem Abendessen noch einmal zu dritt auf den Turm stiegen, war es bereits tiefste Nacht. Lugwin, mit seiner herausragenden Sicht und seiner von seinem Beruf geschärften Beobachtungsgabe, entdeckte im tiefsten Wald eine Lichtquelle, die zu keinem Haus und keiner Siedlung zeugte, sondern ein Lagerfeuer war.

So begann die Nacht, in der wir den Übeltäter stellen wollten. Der Herr Lugwin blieb wach und überwachte den Turm. Sollte er zur Überzeugung kommen, dass ein Licht oben zu sehen war, würde er den Herrn Innuendo und mich wecken und wir würden uns um alles weitere kümmern. Dann kam es jedoch etwas anders. Er weckte mich früher, als wir es erwartet hatten, bereits kurz nach der zehnten Stunde. Hastig warf ich mir etwas über, gürtete mich mit Schwert und Wams, dann ging ich geziemendes Schrittes nach unten, täuschte Schlaflosigkeit vor und betrat so dann den Turm. Ich nahm mir die Laterne, die wir bei unserem früheren Besuch bereits benutzt hatten, und stiegt sodann auf Phexens leisen Sohlen die Treppe hinauf. Im letzten Stock noch außerhalb des Sichtweite der obersten Treppenstufe, löschte ich das Licht und schlich leise weiter. Ich meinte,Schritte unter mir zu hören, doch war das Dach mein Ziel. Ich war jedoch zu spät. Das Dach war bereits wieder leer und als ich nach unten eilte, war niemand mehr zu sehen.

Im Erdgeschoss traf ich auf die Herren Innuendo und Lugwin, die mir bestätigten, dass niemand den Turm verlassen hatte. Nun war es an dem Herren Innuendo und dessen meisterhaften Sinn für das Rätselhafte, das Dunkel zu lüften. Bevor wir jedoch etwas tun konnten, erklangen Schritte und Bruder Rochnow kam aus dem Gelass nach oben. Ich passte ihn erst auf dem Hof ab und geleitete ihn zu seinem Zimmer. Er war einer der neuern Zugänge zu diesem Kloster und wohnte deswegen noch im Haupthaus und nicht im Turm bei den anderen Brüdern. Konnte es sein?

Auf dem Turme selbst fand der Herr Innuendo die Spuren des nächtlichen Besuchers, eine schwarze, verrußte Stelle und im Schuppen selbst eine noch heiße Fackel. Vor allem aber entdeckte er die feuchten Fußspuren, die vom Turm hinab führten und weiter ins Gelass und sodann nach draußen. Der gute Bruder Rochnow schien das schwarze Schaf der Gemeinde zu sein und nach seinem Besuch auf dem Dach hatte er noch einen Insassen, vermutlich besagten Enjan, aufgesucht, der beinahe unseren guten Herrn Innuendo in seine gewalttätigen Hände bekommen und zerfleischt hätte. Zu spät kamen wir alle in unsere Gemächer und fanden in Borons süße Umarmung. Dieser Tag hatte wohl noch mehr Fragen aufgeworfen, als er beantwortet hatte.

Erstellt von Julia
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Kommentare

Ich übernehme keine Verantwortung für die wortwörtliche Richtigkeit des obigen Zitates der guten Therinja. Das müsst ihr bitte bei "Gerüchte & Hinweise" nachsehen, wenn ihr es genau wissen wollt.

Geschrieben von Julia am 23.08.2019 um 15:09