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20.
Boron

Kälte, Kampf und Kuscheln in der Kaleschka

Es war klirrend kalt draußen wie schon lange nicht mehr.

Bolgar brachte allen Ernstes einen Eimer voller Schnee herein und schmolz ihn am Feuer, um damit seinen Bart zu pflegen. Ich muss ja zugeben, dass sein Bart durchaus schöner anzusehen ist als das schmierige Gestrüpp, das andere Männer so im Gesicht tragen – aber ihn jeden Morgen und um jeden Preis einzuseifen, hielt ich dann doch für übertrieben. Auch der Wirt schüttelte den Kopf darüber.

Wegen der Kälte und einer Reparatur an der Kaleschka dachten wir darüber nach, einen Tag länger zu bleiben, fuhren dann aber doch los – selbst noch im Inneren der Kutsche konnten wir auf unsere Decken nicht verzichten, so kalt war es. Durch ein Gewühl aus Grau und Weiß und wildes Schneegestöber waren wir schon gefühlt vier Stunden unterwegs. Dem Geruch nach kamen wir in die Nähe der Großen Mosse; Lichtpunkte von den Augen hungriger Tiere folgten der Kaleschka.

Und ausgerechnet jetzt vernahmen wir Hilfeschreie von draußen. Avessandra und ich verlangten, dass wir anhielten, trotz der Gefahr, eingeschneit zu werden, und tatsächlich konnten wir uns durch Rufe mit dem Verunglückten verständigen. Und bald entdeckten wir durch den vielen Schnee auch seine zusammengebrochene Hütte, nurmehr einen großen, weißen Hügel. Kolja blieb misstrauisch und Innuendo ignorierte unsere Hilfsaktion, während Bolgar, Avessandra und ich unsere Schneeschuhe überzogen und uns auf den Weg zur Hütte machten. Bald kam auch Kolja hinterher.

Wir traten ein und erkannten, dass die Hütte einmal auf Stelzen gestanden haben musste; die hinteren waren jedoch abgeknickt und der Boden glich einem Abhang. Der Fischer Jasper war mit dem Bein unter einem gefallenen Dachbalken eingeklemmt. Ein Glück, dass wir ausgerechnet jetzt vorbeigekommen waren, denn bei den Schäden an der Hütte wäre er wohl bald erfroren.

oder gefressen worden. Das Kreischen und Quieken hungriger Sumpfranzen erreichte uns und kurz darauf hatten wir es mit zweien von ihnen zu tun. Wie es wohl den anderen draußen erging? In der ganzen Aufregung verletze ich mich an der Hand, als ich versuchte, meine Hexenkrallen zu aktivieren. Sie war ziemlich geschwollen und tat verdammt weh! Mit vereinten Kräften – nämlich meinem Sanftmutzauber, Koljas Schnelligkeit und Bolgars Kampfkraft – besiegten wir die Sumpfranzen und befreiten den Verunglückten. Über den Gestank meiner Mindergeister wunderte sich in der Hektik niemand.

Ich trat aus der Hütte und sah, dass auch draußen gekämpft wurde. Mehrere Sumpfranzen umringten Innuendo, der ganz alleine auf halbem Weg zwischen Kaleschka und Hütte feststeckte, und auch die beiden Frauen auf der Kaleschka waren in Bedrängnis. Doch die Rettung erschein in Gestalt eines riesigen Schattens – einer Reiterin, Salwinja von Elkenacker! Das Rudel Sumpfranzen suchte kreischend das Weite – ein Glück. Ich hatte nämlich nicht mehr viel Magie in mir, und eventuell wurden noch meine Heilkräfte benötigt – Innuendo jedenfalls jammerte für zwei.

So wie Salwinja gekleidet ware, hätte sie sich garantiert demnächst selbst in einer Notlage wiedergefunden. Zusammen mit ihr und dem geretteten Jasper wurde es sehr eng in der Kaleschka, aber auch wärmer. Wir konnten die Fahrt fortsetzen, und als es aufklarte, kamen wir schließlich in Hinterbruch an.

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