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19.
Boron

Ereignisse am Efferdstempel und ein netter Abend in Puspereiken

Nach einer ausgiebig verschlafenen Nacht in einem spinnwebigen Schlafsaal der Magierakademie und einem Frühstück aus Hafergrütze – von Bolgar ergänzt durch ein völlig absurdes Bartbaderitual in einem Eisloch – trafen wir endlich auf Alwin K. Wippflügler, der vor ein paar Studenten einen reichlich schwurbeligen Vortrag hielt. Innuendo wagte es, ihn zu unterbrechen, jedenfalls indirekt: Er schnitt Grimassen und handelte damit einem kichernden Akolythen die Strafe ein, uns in die Stadt begleiten zu müssen. Wippflügler war alles andere als begeistert und unterbrach den Unterricht, aber wenn ich ehrlich bin – ich hätte auch gekichert.

Bevor wir aufbrachen, befragten wir den Magister noch einmal zu dem magischen Buch, um das sich unser nächster Auftrag drehte. Wenn ich alles richtig verstanden habe, wurde es der Efferdkirche von der letzten Theaterritterin übergeben und niemand konnte es seither öffnen. Vor einigen Jahren wurde es beinahe von einem Piraten gestohlen, dann in den Neer geworfen (zur Sicherheit natürlich – Wasser kann einem magischen Buch der Efferdkirche nichts anhaben), und schließlich, während der großen Flut vor knapp zwei Jahren, als die Änderungen am Neer eintraten, kam es wieder zum Vorschein. Seitdem verfärbt sich der Buchumschlag langsam von Rot nach Blau.

Sushin erwies sich als wenig zuverlässiger Begleiter, und während Marja ter Munden ohne dessen Hilfe unser sämtliches Gepäck aus dem Residenzhotel in die Kaleschka räumte, begaben wir uns zum Efferdtempel – unterwegs half Bolgar einem Händler aus der Patsche, der von zwei Kriegerinnen bedrängt wurde, und bekam ein skurriles Heiligenbild geschenkt.

In dem schummrigen, schiffsförmigen Tempelgebäude fühlte ich mich sofort wohl. Es hat einfach Atmosphäre, das fensterlose blaue Leuchten der Steine, und auf Windeffekte wurde netterweise verzichtet. Wir begegneten bald Jesidoro de Sylphur, dem aufbrausenden Priester, mit dem wir uns treffen sollten. Er bat – oder befahl – uns in eine Nische mit einem Springbrunnen, und wir bekamen auch gleich Gesellschaft von Sulja Elmsjen. Noch am selben Tag sollten wir sie nach Hinterbruch zu Magister Alazer eskortieren.

Nachdem wir alles Nötige besprochen hatten, blieben uns zwei Stunden Zeit, die zumindest für Avessandra und mich etwas Aufregung brachten, denn wir retteten ein paar einfältige Stadtbewohner zuerst vor dem Ertrinken und dann vor dem Erfrieren. Na gut, ich gebe zu, Kolja und Innuendo waren auch beteiligt, während Bolgar die Zeit bis zur Abfahrt in warmem Wasser zubrachte. Falls er sich eines Tages zur Ruhe setzen sollte, dann wird das bestimmt an einem Ort mit Badehaus sein!

Doch zurück zu der Rettungsaktion. Zu meiner besonders großen Freude begegnete ich dabei noch einmal Cirrusil Eisblick. Dieser Elf ist wirklich ein bezaubernder Anblick, was bei Kerlen wirklich selten ist, und ein Mann von Ehre und Weisheit. Ich hoffe, er behält mich in guter Erinnerung. Er kommunizierte am Flussufer mit einem Biestinger. Die dumben Männer wollten der Kreatur tatsächlich nachjagen, weil sie angeblich Wünsche erfüllt. Sie konnte natürlich ohne Weiteres entkommen. Das wirklich Stressige an dem Eklat war es, die Umstehenden zum Helfen zu bewegen. Avessandra tauchte wirklich genau im richtigen Moment auf.

Schließlich brachen wir aus Neersand auf: Bolgar, Kolja, Innuendo, Avessandra, Sujla, Marja und ich, wobei Kolja wegen eines gewissen Zwischenstopps auf dem Kutschbock Platz nahm. An besagtem Ort angekommen, ließ Innuendo seine Sachen achtlos zwischen unsere Füße fallen. Ich entdeckte einen blutigen Lappen darunter und nahm mir die Freiheit heraus, ihn aus dem Fenster zu werfen. Nachdem wir um zwei Gewürzkisten und Innuendo um ein wenig Gold reicher war, fuhren wir weiter Richtung Puspereiken und kehrten nach vier Stunden in der Goldenen Krone ein.

Es war warm, gemütlich und recht viel los, am Feuer saß ein Geschichtenerzähler, und eine betrunkene adlige Kriegerin mit kurzem, rotem Haar trug ihren Teil dazu bei, die Gesellschaft zu unterhalten. Sie bekräftigte meinen Entschluss, heute wieder einmal nüchtern zu bleiben. Sulja stieß erst verspätet zu uns. Laut Kolja hatte sie im eisigen Sturm eine Andacht gehalten.

Wir wurden gut versorgt, sowohl mit Essen und Trinken als auch mit Unterhaltung. Der Geschichtenerzähler mit Namen Stallmacher entpuppte sich als Goblinfreund und trug neben einigen alten Rittersagen auch Die Ballade von Bruutsch und Jääni vor.

Wir hörten außerdem von der Adligen – Salwinja von Elkenacker –, dass unser alter Freund Prinz Jaruslaw von Kirschhausen-Krabbwitzkoje bei einem Ritterturnier in Drachenzwinge betrunken vom Pferd fiel. Es machte sie mir durchaus sympathisch, dass sie offenbar nicht viel von ihm hielt.

Wir bekamen noch die Geschichte der Thorwalertrommel zu hören, und der Abend neigte sich schließlich dem Ende zu. Innuendo versuchte zu später Stunde noch mit mäßigem Erfolg, Stallmacher Gerüchte über die Goblinkeule in Neersand unterzujubeln, wurde von dem offenbar vernünftigen Mann aber nicht ernstgenommen, und auf einem kalten Dachboden unter schnarchenden Menschen schliefen wir schnell ein.

Erstellt von Sue
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