1039
17.
Boron

Ein argloser Besuch und Bruchklingers geheimer Keller

Unser Frühstück im Hotel glich eher einer Konferenz – wir mussten uns endlich für eine Vorgehensweise entscheiden. Innuendo meinte, wir sollten die Keule, falls sie denn nach 18 Jahren überhaupt noch bei Bruchklinger war, gegen die Fälschung des Museums austauschen. Bolgar hielt dagegen, es sei einfacher, dem Horasier ein paar zwischen die Augen zu geben – manchmal bin ich mir bei dem Zwerg wirklich nicht sicher, ob er nur große Worte macht.
Auch das Tagebuch des ehemaligen Museumskurators Joost Kunzke bereitete uns noch Kopfzerbrechen. Es hieß darin, ein Goldschmied habe die Keule gereinigt. Hatte dieser Eintrag mit der Erstellung des Duplikats zu tun? Und weshalb hatte der Kurator die Keule „vor Kraft vibrieren“ fühlen können? War sie wirklich derart magisch, oder hatte ihr jemand vorsätzlich diesen Effekt verliehen?

Wir beschlossen, zunächst mehr Informationen zu sammeln. Bolgar und ich wollten Bruchklinger mit einer Flasche Hochprozentigem besuchen, unter dem Vorwand, den klopfenden Schrank zu begutachten – eine mysteriöse, technische Sonnenuhr, wie man mir erklärt hatte, also genau das, was das Herz eines Zwerges höher schlagen lässt.

Innuendo und Kolja sollten sich derweil die Gegend um das Wasserschutzbecken genauer ansehen. Die beiden verschwanden, und mit ihnen Wippflüglers Passierschein.

Bolgar und ich erreichten das dreiflügelige Gutshaus. Ich kämpfte gegen meine Nervosität an. Wessen sollte man uns verdächtigen? Bruchklinger konnte unmöglich glauben, es sei Absicht gewesen, dass ich mich beinahe hatte töten lassen.

Nein, alles ging gut und zunächst erregten wir keinen Verdacht. Der Horasier bat uns herein und wir tranken von dem mitgebrachten Meskinnes – aus kristallenen Gläsern, wie wohl selbst die Zwölfe keine schöneren besitzen. Wie gut, dass ich zweimal gefrühstückt hatte und den süßen Trunk vertrug.

Bolgar, nun ganz der gesellige Gelehrte, lobte die geschichtlichen Szenen der Glasmosaike im Erdgeschoss und sprach Bruchklinger auf ein beschädigtes Fenster an. Gespannt beobachtete ich unseren Gastgeber. Er erzählte uns die Geschichte vom Tode Joswin Arberdans, die wir bereits kannten. Die Reparatur des Fensters war wegen der damaligen Borbaradkrise nur dürftig ausgeführt worden, doch er wollte die bittere Erinnerung hinterher nicht mehr verfälschen. Ja, er schien aufrichtig betroffen. Entweder sagte er tatsächlich die Wahrheit, oder er war ein sehr guter Lügner.

Dann besichtigten wir den klopfenden Schrank. Stolz klappte Bruchklinger den Teil mit den Zahlen zur Seite und zeigte Bolgar das wirre Innenleben. Mein Begleiter war beeindruckt – ich dagegen sah nur einen Haufen metallener Eingeweide, und mir schwindelte schon vom Hinsehen.

Schließlich, während eines kurzen Plauschs über die Geschichte der Theaterritter, fiel Wippflüglers Name. Für einen kurzen Moment sah ich deutlich, wie Bruchklinger regelrecht zusammenschrak. Sofort hatte er sein Mienenspiel wieder im Griff und setzte das Gespräch mit der bisherigen Leutseligkeit fort, doch nicht für lange. Er bat uns zu gehen, denn er habe zu tun.

Beim Verlassen des Grundstücks entdeckten wir Innuendo und Kolja, die sich an der Grundstücksgrenze im Schatten der Hecke herumdrückten. Zum Schein gingen wir zur Straße, um dann, vom Haus aus ungesehen, einen Bogen zu schlagen.

Dann trafen wir vier wieder zusamm', um die zwölfte Stund, am Walsachdamm. In seiner charmant-zwergischen Art ließ Bolgar Innuendo wissen, er könne gleich wieder zurückkehren, um das Gut zu beobachten. Wir berichteten von Bruchklingers Reaktion auf Wippflüglers Namen.

Innuendo und Kolja waren zwischenzeitlich in dem morastigen Becken herumgetrampelt – nun ja, wenigstens einer von beiden, und dessen Stiefeln sah man es auch deutlich an. Viel hatten sie nicht in Erfahrung bringen können, aber diverse Kratzspuren im Gestein bestätigen, was wir bereits wussten: Hier waren vor Jahren die Wagen durchgekommen, die die Kunstschätze transportiert hatten.

Eine Spur galt es noch zu verfolgen: Ein eingestürzter Turm hinter dem Herrenhaus hatte unser aller Aufmerksamkeit erregt. Nur wenig höher als ein hochgewachsener Mann ragten die Gemäuerreste in die Luft – doch leider auf der falschen Seite der Hecke. Kolja und Innuendo beschlossen, den Turm im Schutze der Nacht, zur Rahjasstunde, näher zu untersuchen. Auch einen Weg ins Innere des Geländes hatten sie bereits ausfindig gemacht: Ein in der Hecke verborgenes Gittertor.

Innuendo machte sich davon – diesmal ohne den Passierschein –, und auf dem Rückweg nach Neersand suchten wir anderen die Magierakademie auf. In einem Empfangszimmer, das in keinster Weise einer Besenkammer glich, sprachen wir mit Magister Wippflügler. Es wunderte ihn kaum, dass sein Name und Leumund dem Verdächtigen bekannt waren; weiters verlief dieser Besuch leider erkenntnislos.

Am frühen Nachmittag waren wir zurück in Neersand. Ohne Umschweife suchte Bolgar das Badehaus auf. Kolja machte noch ein paar Besorgungen; dazu gehörte die Beschaffung von Innuendos Brecheisen. Der Jäger machte ein verstörtes Gesicht, als er wieder aus Innuendos Zimmer kam - was das wohl zu bedeuten hatte? Vielleicht sollte ich unserem Schurken mal wieder einen Besuch abstatten.

Wir gesellten uns zu Bolgar ins Badehaus und fanden ihn in nachdenklicher Stimmung vor. „Ham wir's versaut?“

Das konnte uns zu diesem Zeitpunkt, wenn überhaupt, wohl nur Innuendo sagen. Bolgar und ich beschlossen, uns der nächtlichen Erkundung anzuschließen.

Eisig war die Nacht, bei fast vollem Mond, Wölfe heulten, es waren Rehe und Wildschweine unterwegs – und eine dunkle Gestalt huschte im Schutze der Hecken auf uns zu: Innuendo. Er hatte Stunden auf einem Baum zugebracht, aber nichts Verdächtiges beobachten können. Immerhin, alle Bewohner des Guts schienen sich mittlerweile im Haus zu befinden, kein Heimkehrender würde uns überraschen.

Mir wurde etwas flau im Magen, als Innuendo das in der Hecke verborgene Tor öffnete und es laut quietschte. Dennoch, wir gelangten ungesehen auf das Grundstück und zur Turmruine. Darin führte eine einstmals verschüttete Wendeltreppe unter die Erde. Ich blieb oben und behielt das Haus im Auge.

Bald erklang ein ersticktes Stöhnen aus den Tiefen des Turms, und ich bekam Gesellschaft von Innuendo. Er gab zu, eine Falle übersehen zu haben – und, wahrlich, eine so übel zugerichtete Hand war mir lange nicht untergekommen! Verletzungen wie diese sind sehr hinderlich im Alltag und heilen nur langsam. Er konnte froh sein, dass es mich und meinen Balsam Salabunde gab, wirklich.

Nachdem alle Türen ohne weitere Zwischenfälle aufgesperrt waren, schloss ich mich den anderen an, und wir erkundeten die sehr alten Keller. Ein Gang war verschüttet; drei unterschiedlich feuchte Räume enthielten Weinflaschen, Fässer, Tische, Zinnpokale und Tafelsilber (nachher weniger). Am interessantesten war der vierte Raum. Außer Kisten voller feuchten Salzes enthielt er ein ganzes Regal mit Akten und Schriftstücken, sauber in Leintücher gewickelt. Dort stieß Innuendo auf eine Holzkiste mit persönlichen Dingen aus dem Nachlass Joswin Arberdans. Sie enthielt einen Schlachtplan, einen Evakuierungsplan der Kunstschätze, zwei alte, kaputte Armbrustbolzen, einige Schmuckstücke, die auf nicht unerwartete Weise verschwanden, ein farbiges Amulett mit Geflügelknochen, laut Bolgar goblinischer Herkunft, und einen Haufen Unterlagen und Rechnungen, zuoberst Arberdans Sterbeurkunde.

Wir durchsuchten alles noch einmal gründlich, fanden aber keine Geheimverstecke oder gar Hinweise auf den Verbleib der Goblinkeule. Nur Kolja wurde schließlich doch noch fündig, und zwar in Arberdans Kiste. Er hatte gezielt nach Rechnungen eines Goldschmiedes gesucht und tatsächlich das beweislastige Schriftstück gefunden: Die Rechnung war ausgestellt von Goldschmiedemeister F. Siepensen und adressiert an Arberdan, nicht etwa Bruchklinger – für die „Anfertigung einer Knochenkeule wie besprochen“.

Zur Übersicht