1039
16.
Boron

Erkundigungen und Erfahrungen

So, das ist also die Schätzchengasse. Hat schon bessere Zeiten gesehen. Alleine würde ich hier wahrscheinlich nur beruflich vorbeischauen. Ah, da ist auch schon das Haus das wir suchen. Wobei Hütte es besser trifft.

 

Natürlich macht Bolgar sich sofort daran anzuklopfen, trotz seiner zwergischen Langlebigkeit kann er es wohl nicht leiden, Zeit zu verschwenden. Es nervt ihn sicher dass der Bewohner so auf sich warten... ach schau einer an. Ich wusste gar nicht, dass hier in der Umgebung Walrosse existieren. Ha, wehr dich ruhig, aber gegen Bolgar's Dickschädel und Avesandra's verlockende Münzen kommst du nicht an. Aber wer würde bei einem Preis von 1 Silbermünze für eine Stunde Gerede nicht schwach werden? Mal schauen ob er uns weiter helfen kann. Ich hoffe er ist begabter im Geschichten erzählen als darin seine Behausung zu säubern, wenn ich auch zugeben muss, dass ich mich schon an schlimmeren Orten befand.

 

Obwohl er uns die letzte Stunde überaus freigiebig alles erzählt hat was er weiß werde ich das Gefühl nicht los dass Avesandra und Bolgar ihm nicht glauben. Oh und siehe da, nur ein paar Fragen und seine Gesichtsfarbe kann sich mit Festumer Schnee messen. Nachdem er frisch gefallen ist natürlich, für alles andere fehlen die diversen Brautöne und Abstufungen von Grau.

 

Jetzt habe ich kurz nicht aufgepasst, aber es scheint als würde dieser Kerl sich jetzt etwas mehr Mühe geben. Wahrscheinlich, weil ihm eine weitere Belohnung versprochen wurde. Ich erkenne das Glitzern in seinen Augen.

 

Seiner Aussage nach war er also um 1020 an einem Auftrag beteiligt bei dem durch einen geheimen Schmugglertunnel etwas zwei bis drei Dutzend Kisten aus der Stadt geschafft wurde. Und ein Jahr später wieder zurück. Das Interessante ist aber die Beschreibung seines Kontaktes, klingt so als hätten wir ein neues Ziel. Ein beleibter Mann mit horasischer Haarpracht, davon wird es hier ja nicht allzu viele geben.

 

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Ha, Dank sei Aves! Seine Hilfe hat uns einige Zeit zwischen staubigen Wälzern erspart. Und jetzt haben wir einen Namen, Jobdan Bruchklinge. Schon bald wissen wir mehr. Hmm, wir sollten die Götter viel öfter um Hilfe bitten.

 

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Ein kleiner Abstecher zur Wache ist nicht unbedingt meine Vorstellung von unterhaltsamer Beschäftigung, aber dieser Bornski konnte uns tatsächlich weiterhelfen. Demnach starb sein Vorgänger, Joswin Arbadon, als er sich um einen Raubüberfall im Anwesen seines Freundes Bruchklinger kümmern wollte. Wirklich tragisch... und unglaubwürdig. Auch Boromeo vermutet, dass da noch mehr dahintersteckt. Dummerweise haben wir zu spät daran gedacht, dass der Hauptmann vielleicht mit drinsteckt. Ich hätte früher Stellung vor der Wache beziehen sollen, so habe ich nur eine Stunde mit Nichtstun verschwendet. Verdammt. Ich hoffe, die anderen waren im Archiv erfolgreicher.

 

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Das Glück ist uns wirklich hold. Es ist Bolgar gelungen auf einer Karte die genaue Position des Anwesens herauszufinden. Anscheinend hatte er damit so gut wie keine Probleme, ich bin immer noch überrascht, dass Zwerge ein so kluges Köpfchen wie ihn hervorbringen konnten.

 

In der anschließenden Diskussion waren wir alle ziemlich schnell der Meinung, dass sich Rashka dort umsehen sollte. Sie ist dank ihres Stabes dafür am besten geeignet und vor Kurzem aufgebrochen.

 

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Alle Hexen kennen es, dieses ungute Gefühl im Bauch, das sie innehalten und an einer Sache zweifeln lässt. Deutlich spürte ich diesen Wink Satuarias, und doch brach ich auf, um das Gut Bruchklingers zu erkunden. Viel hätte nicht gefehlt und ich wäre niemals dort angekommen, wäre niemals mehr irgendwo angekommen.

 

Mittels des Passierscheins A 38 verließ ich Neersand, fand mich in einer ruhigen, eiskalten Nacht wieder und flog los. Wunderschön und viel zu selten sind diese Momente, wenn eine Hexe fühlt, dass sie einfach eine Hexe sein kann.

 

Ich kann im Nachhinein nicht sagen, ob ich unvorsichtig war; der scharfe Schmerz in meiner Seite kam wie aus dem Nichts – ein Pfeil. Ich taumelte in der Luft, konnte mich nicht halten, tastete noch im Sturz nach der Tasche mit Runar und schirmte sie ab, dann schlug ich auf.

Ich wusste, dass ich schwer verletzt war. Ich nahm alles durch einen Schmerzschleier wahr: Die Jäger, die mich für einen Dämon hielten und schließlich doch mitnahmen, den beschwerlichen Weg einen Hügel hinauf und den adligen Hausherrn, der mich als das erkannte, was ich war, auch ohne meinen Wanderstab.

Eine Dienerin versorgte mich und ließ mich allein. Erst, nachdem ich Gelegenheit gehabt hatte, den Balsam Salabunde zu sprechen, wurde mir vollkommen bewusst, wo ich war und wer der Mann gewesen war. Doch das spielte jetzt keine Rolle. Ich musste meinen Gefährten eine Nachricht zukommen lassen. Sie würden sich sorgen, wenn ich nicht zurückkehrte – nun, einige wenigstens.

Ich schlich aus der Schlafkammer. Ein seltsam leises Pochen hallte durch das Haus und mir war gar nicht wohl dabei, hier herumzuschleichen. Wächter fand ich nirgends, nicht einmal draußen vor der Türe, wo bloß die Wölfe jaulten.

Im Salon stieß ich auf die Uhrsache des Pochens: Einen Schrank. Ob ein Tier darin engesperrt war? Vorsichtig betastete ich die metallenen Ziffern auf der Vorderseite …

GONG! GONG! GONG! GONG!

Der ganze Raum erzitterte und ich erschrak mich fast zu Tode. Hoffentlich war niemand davon aufgewacht! Ich eilte zurück in die Schlafkammer.

 

Am nächsten Morgen weckte mich die Dienerin zum Frühstück mit dem Hausherrn. Die Beule an meiner Schläfe schmerzte noch, doch es ging mir schon deutlich besser.

Dieser riesige Tisch! Bruchklinger und ich saßen uns gegenüber, und doch etliche Schritt voneinander entfernt. Er war vermutlich unser Gegner in dieser Sache mit der Goblinkeule, und ich hätte ihm misstrauen sollen, doch momentan war ich ihm nur Dank schuldig. Viel Konversation trieben wir nicht; ich stellte mich als eine Bekannte Wippflüglers aus Festum vor, und er fragte nicht weiter nach.

 

Eine Droschke wurde für mich bereitgemacht, und auf dem Rückweg nach Neersand fand ich meinen Stab wie auch meine Gefährten wieder. Sie hatten mich gesucht und ich war wirklich froh, sie zu sehen. Innuendo sprang auf den Sitz neben mir – ob er sich wenigstens ein bisschen um mich gesorgt hatte? Die anderen mussten zu Fuß gehen, und bald waren wir wieder im Residenzhotel.

 

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Eine erstaunliche Geschichte, niemals hätte ich vermutet, dass sie so nahe an unser Ziel kommt. Und es ist wirklich ein Glück, dass sie überlebt hat. Ihre Fähigkeiten sind einfach so nützlich, auch wenn ich den Wert ihres Stabes in Betracht ziehen muss, bringt seine Verwendung sie doch scheinbar jedes Mal in Schwierigkeiten.

 

Zumindest haben wir jetzt eine Vorstellung des Anwesens aber ich muss meinen Plan noch ausarbeiten, bevor ich ihn mit den anderen teile. Es ist eh fraglich ob sie ihm zustimmen werden.

Aber notfalls gibt es ja immer Plan B.

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