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14.
Boron

Neersand – Neue Gesichter und neue Aufträge

Avessandra weckte uns am frühen Morgen des 13. Boron, zuletzt Bolgar. Den Tag brachten manche von uns unter Kopfschmerzen zu – meine waren zum Glück nur leicht, und die Fahrt blieb ereignislos; ich schlief sogar ein Weilchen in der Kaleschka. Wir übernachteten in Puspereiken und brachen am Morgen des 14. Boron wieder auf.

Bei Einbruch der Dämmerung erreichten wir unser Ziel, die Stadt Neersand. Es war ein Handelsposten und wir hofften, Wagen und Esel hier verkaufen zu können. Außerdem war noch nicht klar, was mit dem Korspieß geschehen sollte.

Die Stadt hatte ihren Namen von dem Neer, wie Innuendo zu erzählen wusste. Dieser Strudel an der Flussmündung existierte schon viele hundert Jahre lang, bereits vor der Zeit der Theaterritter, und hatte viele Jahrhunderte lang die Schifffahrt blockiert, war vor Kurzem aber schwächer geworden.

Am Tor empfingen uns Wachen, die das Handelswappen trugen und auch gleich die fälligen Zollgebühren einstrichen, inclusive einer Flasche des Hochprozentigen – mich wunderte, dass Bolgar das zuließ. Neben den Steuern auf die Getränke und Lebensmittel verlangten sie einen Heller pro Bein. Wie gut, dass sie nichts von meinem Runar wussten!

Wir erfuhren, dass die Versammlung, zu der wir geladen waren, auf der Magierakademie abgehalten wurde, gelegen auf einem Gutshof außerhalb der Stadt. Außerdem empfahl man uns auf Nachfrage das gehobene Residenzhotel in der Innenstadt – ausnahmsweise bezahlbar für mich, da unser Auftraggeber ja die Spesen übernahm. Ich allein wäre nicht so dreist gewesen, aber sonst schien keiner damit ein Problem zu haben, also suchten wir es auf.

Die Eingangshalle, ebenso wie der Page hinter seinem Tresen, sahen wahrhaft vornehm aus. Wir ließen uns fünf Einzelzimmer geben; Avessandra legte die Kosten aus, stolze 7 Silberstücke pro Nacht und Person.

Für eine Stunde zogen wir uns alle zurück. Wie wohl es tat, sich hier bedienen zu lassen! Ich erhielt warmes Wasser, meine Kleider wurden gewaschen, und in einem so weichen Federbett hatte ich seit dieser Sache mit dem Gänsebauer nicht mehr gelegen. Avessandras Einladung zu einer Einkauftstour mit Innuendo, der feine Kleider brauchte, lehnte ich ab – ich würde das Ergebnis dann schon früh genug zu sehen bekommen. Ich gönnte mir lieber ein Weilchen Ruhe in diesem kuscheligen Bett.

Als die beiden zurückkehrten, trug Innuendo ein dunkelgrünes Wams aus Samt, eine saubere, dunkle Hose, und er war frisch rasiert. Zugegeben, ich mochte den Anblick! Avessandra hatte ganz Recht, das Grün passte wirklich ausgezeichnet zu seinen braunen Augen. Sie zwinkerte mir zu, wir hakten uns bei ihm unter, und schritten so zusammen hinab in die Eingangshalle, worüber Bolgar und Boromeo nur müde die Augen verdrehten.

Wir erfuhren, dass die beiden ein Badehaus besucht hatten. Avessandra und ich wollten das auch unbedingt ausprobieren. Ich war noch nie in einem Badehaus gewesen, stellte mir die warm wabernden Dämpfe und den Duft, den der Zwerg und der Magier mit sich hereintrugen, aber wundervoll vor – und ein wenig erotisch. Ob wir diesen Abend noch Zeit dafür finden würden? Einzig Innuendo zögerte noch, sich uns anzuschließen. War er wirklich so knauserig, dass er es ablehnte, mit zwei schönen Frauen ein Badehaus zu besuchen? Wie auch immer, ich durfte nicht vergessen, Avessandra zu fragen, was man in ein Badehaus überhaupt anzog.

Die fünf Meilen bis zum Gutshof legten wir in einer Droschke zurück, da es uns weniger Wegzoll kostete. Nach einer ruhigen Fahrt erreichten wir 15 Minuten später die Akademie, die schon von Weitem zu sehen war. Im Garten waren Patrouillen mit schwebenden Lichtkugeln unterwegs, und auch das Haupthaus war hell erleuchtet; arkane Symbole prangten an dem schmiedeeisernen Tor. Ein junger Wächter in grauer Robe ließ uns ein – wusch der seine Kleidung denn nie?

Wir trafen Magister Wippflügler und die Versammelten in einem schummrigen Kaminzimmer, das dunkelrot gestrichen und so verraucht war, dass ich trotz der schwebenden Lichter kaum die Decke erkennen konnte und nach Luft schnappen musste. Gemütliche Stühle standen herum – nur die unauffälligen Fesselgurte an den Armlehnen passten nicht ins Bild. Wippflügler bot uns ein Gläschen an; ich bekam zum Glück einen Tee. Dann lernten wir den Rest der Runde kennen.

Eine Frau in den Dreißigern in der Tracht der Efferdgeweihten, der mit dem Prädikat „unscheinbar“ noch geschmeichelt gewesen wäre, wurde als Sulja Elmzchen vorgestellt. Sie wirkte unstet und ungeduldig, ganz wie das Wasser und der Wind selbst. Magister Borzo Skokarbarozzi aus Winsolt war ein Südländer und rauchte Pfeife. Für den meisten Qualm allerdings war Mora Tiefschar verantwortlich, eine Goblinfrau, wie ich sie mir älter wirklich nicht mehr hätte vorstellen können. Sie saß tief in einem der Sessel, und in ihrer langen Menschenpfeife verglomm irgendein Kraut, das einen unsäglichen Gestank verbreitete.

Der mit Abstand interessanteste der Anwesenden war Magister Cerosel, ansässig hier in Neersand, ein Elf vom Firnvolk. Wie selten ich andere Halbelfen oder einen Elfen zu Gesicht bekam! Er sah schlank, jung und atemberaubend aus, und ich schenkte ihm ein besonders langes Lächeln.

Wir versammelten uns um eine große Karte des Bornlandes, und Boromeo berichtete von den jüngsten Ereignissen. Wippflügler lauschte schweigend und bezeichnete das Geschehene schließlich als drastisch.

Der hübsche Firnelf war sich sicher, dass hier die Kräfte der Natur im Spiel gewesen waren. Ich war geneigt, ihm zuzustimmen, und nickte versonnen.

Schwachsinn!“, quietschte die Goblinfrau.

Elementare Magie“, beharrte Boromeo.

Goblinische Magie!“, rief ein anderer.

Mir schwirrte bald der Kopf, und ich war froh, als Wippflügler für Ruhe sorgte und nochmals alle Ereignisse zusammenfasste, die diesen Kongress hervorgerufen hatten. Er betonte, so etwas habe es schon einmal gegeben; Belege lieferten Moras Berichte und die Durchforstung der Archive. Zusammenhänge zum Heiligengang mit dem Baumsamen und zu den Theaterrittern schloss er nicht aus, und bezeichnete die Lage letztendlich als eine Sackgasse voller nicht belegbarer Ideen und Theorien.

Nunmehr kamen wir ins Spiel, und es gab zwei Aufgaben, die man uns übertrug. In der ersten, deutlich schwierigeren Angelegenheit sollten wir ein streng gehütetes Artefakt aus dem Museum Neersands entleihen, jedoch auf höchst offiziellem Wege, damit die Ergebnisse im Nachhinein auch publik gemacht werden konnten. Die zweite Sache betraf ein Buch der Efferdkirche, das Sulja in Bälde entleihen und wir zwecks Untersuchung einem Hellsichtexperten bringen sollten, der jedoch momentan nicht kooperationswillig war.

In seinen Erläuterungen holte Wippflügler weit aus, bis zur Schlacht von Leuhagen, dem heutigen Firunen, in der vor etwa 550 Jahren ein bedeutender Sieg über die damalige Goblinkönigin errungen worden war. Eines der Beutestücke, und Gegenstand unserer Begierde, war eine alte goblinische Knochenkeule, versehen mit Gold, Edelsteinen und geheimnisvollen Schnitzereien. Weitere Beutestücke waren ein Brustpanzer, eine Handprothese, mehrere Pokale und einige rostige Waffen. Zusammengefasst wurden sie als das kulturelle Erbe der Stadt angesehen und lagerten allesamt im Museum von Neersand.

Herr Orkenau, der Kurator des Museums, wollte die Keule jedoch keinesfalls von Magiern untersuchen lassen; auf ihre Anfrage hin hatten sie eine unleugbar schroffe Absage erhalten. Es hatte sich nicht die geringste Gelegenheit zur Untersuchung des Stückes ergeben; bislang war noch nicht einmal bekannt, ob es magisch war.

Auch die Stadtverwaltung unterstützte die Sache nicht – und überhaupt wurden die aktuellen Vorkommnisse von offizieller Seite nicht als problematisch eingestuft.

Was uns, besonders Innuendo, stutzig machte, war das Gerücht, dass die Goblinkeule bei einer versuchten Invasion vor ein paar Jahren einmal kurz aus dem Museum fortgebracht worden war. Handelte es sich vielleicht um eine Fälschung, und Orkenau hütete sie deshalb so eifersüchtig?

Boromeo bezweifelte, dass das Museum mit Leuten wie uns – insbesondere ihm – verhandeln würde, wenn schon nicht mit der Akademie. Doch genau das war unser Vorteil in dieser Angelegenheit: Man kannte uns nicht! Wir mussten jemanden schicken, der gleichermaßen interessiert und gelehrt war, um das Vertrauen des Kurators zu gewinnen – ich schlug Bolgar vor, zusammen mit Avessandra. Boromeo gab mir Recht – er und ich jedenfalls wären definitiv die falsche Wahl gewesen. Den Zwerg beschäftigte indess, ob die Keule irgendwie konserviert worden sei (vielleicht so wie er selbst, in Alkohol?), und was für magische Überraschungen sie berge.

In Sachen des Buches stellte sich heraus, dass es sich bei dem unwilligen Hellsichtexperten, zu dem Magister Borso bereits Kontakt aufgenommen hatte, um keinen anderen handelte als Alazer. Auf unserer Rückreise aus Neersand würden wir ihm das Buch bringen, in Begleitung Suljas. Sie hatte bereits die Erlaubnis erhalten, das Siegel zu öffnen. Welche Bedeutung das Buch haben sollte, erfuhren wir vorerst nicht, aber ich für meinen Teil vermutete, dass es Aufzeichnungen über die Geschichte des Strudels enthielt. Selbst vor dieser Naturgewalt hatten die jüngsten Ereignisse ja nicht Halt gemacht, wenn ich da richtig lag.

Wir verabschiedeten uns schließlich, wurden wegen der Abrechnung unserer Spesen jedoch noch in ein Büro gebracht, wo ein weiterer Magier nach unseren Belegen fragte. Weshalb nun Innuendo die Abrechnungen vorlegen sollte, wo er doch die Finanzen erst vor zwei Tagen übernommen hatte, war mir nicht ganz klar, aber vermutlich wollten die anderen ihn aufziehen. Boromeo lässt nun mal keine Gelegenheit aus, unserem Schurken die Ohren langzuziehen. Der stotterte etwas herum und wusste nicht viel dazu zu sagen. Avessandra aber hatte alles genauestens mitgeschrieben. Wir bekamen 12,4 Dukaten erstattet – Was für eine Summe! –, und erhielten außerdem ein Schreiben, mit dem wir künftig zollfrei die Tore passieren konnten.

Als wir ins Residenzhotel zurückkkehrten, war es schon zu spät für das Badehaus, und wir verschoben unseren Besuch auf den nächsten Morgen. Innuendo war sich immer noch unsicher, ob er uns begleiten sollte, denn es war fragwürdig, ob er die Kosten dafür Wippflügler unterschieben durfte. Ach, sollte er doch tun, was er wollte; wir würden uns diese Wohltat auf jeden Fall gönnen. Auch Boromeo und Bolgar wollten noch einmal ins Bad, und so wir verabredeten wir uns alle für den nächsten Morgen. Und siehe da, selbst Innuendo fügte sich nun der Mehrheit.

Wir aßen gemeinsam auf Boromeos Zimmer zu Abend, nur Bolgar feierte zunächst alleine mit seinem Bierfass, bis wir beschlossen, noch einen groben Plan bezüglich der Goblinkeule zu entwerfen, und ich ihn herholte.

Wir alle waren uns einig, dass Bolgar und Avessandra das Museum besuchen, sich in aller Ruhe umsehen und den Kurator kennenlernen sollten. Innuendo fiel die Aufgabe zu, mit Hilfe ihrer Informationen im Museum nach Aufzeichnungen über den Verbleib der Keule während der Invasion zu suchen – falls nötig, ganz in seinem Stil, während der kommenden Nacht. Zuletzt beschlossen wir, unsere vielen Nahrungsmittel zur Armenspeisung an die Traviakirche zu spenden.

Was für ein Tag! Ich musste mich erst einmal ausruhen und all die Informationen und Erlebnisse verarbeiten.

Morgen würden wir es zunächst ruhiger angehen, ganz nach dem Motto Zuerst das Vergnügen, dann die Arbeit. So ein Bad ist sicher eine prickelnde Angelegenheit. Ich freue mich bereits darauf.

Erstellt von Sue
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