1039
12.
Boron

Geschenke und ein feuchtfröhliches Wiedersehen

Wann hatte ich zuletzt bis in den Mittag geschlafen?

Nach der nächtlichen Heimfahrt erwachten wir im Praiostempel in Gregorsdorf. Linjan polterte in der Küche herum und sang dazu eines seiner heiligen Lieder – nur ob der Text wirklich lautete „Geh, schrei es von der Bergen, der Tisch ist bald gedeckt“, wagte ich zu bezweifeln.

Das Ergebnis jedenfalls war köstlich, und auch wenn ich Essen längst nicht so wichtig nehme wie andere hier in der Gruppe, wusste ich es doch zu genießen.

Nach dem Essen wurde Linjan verlegen und geleitete uns in den Tempelraum. Das ganze Dorf schien dort versammelt und stimmte bei unserem Eintreten einen Choral an – es war Praiostag, doch ohne Zweifel galt die Ehre uns. Linjan hielt eine Rede, die die Ereignisse der letzten Tage wie ein heroisches Heldenepos klingen ließ, und dankte Praios hingebungsvoll.

Wenn ich jetzt schon gerührt über die Dankbarkeit der Dorfbewohner war, wie staunte ich erst, als uns ein geschmückter und gut gefüllter Karren samt Esel zum Geschenk gemacht wurde! Er enthielt viele Lebensmittel, Bier, Schnaps, einige Schmuckstücke und etwas Geld.

Avessandra richtete in unser aller Namen einige gut gewählte Dankesworte an die Versammelten.

Boromeo nahm von all den Geschenken die Praiosscheibe an sich; ich fand Gefallen an einem schlichten Silberring.

Nachdem einige Witze darüber gefallen waren, dass wir jetzt zwei Esel in der Gruppe hätten, schlug der beschuldigte Innuendo vor, mit den 30 Silber- und 2 Goldmünzen eine Gemeinschaftskasse einzurichten. Er stieß auf Skepsis, auch von meiner Seite. Weswegen sollte eine Gemeinschaftskasse von Nöten sein? Und warum sollte man sie ausgerechnet Innuendo anvertrauen? Unerwarteterweise aber traute ausgerechnet Boromeo unserem Schurken diese Aufgabe zu, also blieb es dabei. Und Bolgar war sicher nicht im Unrecht, wenn er behauptete, unser Phexensdiener sei zu knauserig, um das Geld zu verprassen.

 

Avessandra führte den Esel an seinem Karren, und so brachen wir auf. Die Mischung aus herbstlicher Kälte und salziger Meeresluft erinnerte mich an meine Heimat, mehr noch, als wir das Fischerdorf Sunngrunden durchfahren hatten und sich rechter Hand, in das Meer hinein, die Mosse erstreckte, ein sumpfiges Gelände mit entsprechendem Geruch, der mich nicht im Geringsten störte. So roch es teilweise daheim in den Seenlanden! Boromeo rümpfte nur die Nase, als ich es aussprach.

Bei Einbruch der Dämmerung erreichten wir Hinterbruch, unser heutiges Tagesziel, wo uns laut Wippflüglers Brief in Magister Telzmar Alazers Gasthaus Zum Roten Widderhorn eine Überraschung erwarten sollte. Eine Tempelruine fiel uns ins Auge, von der nurmehr die Grundmauern geblieben waren, weiters Häuser im alten Baustil und eine mehrgesichtige Statue, das Vierhaupt von Hinterbruch. Der Kopf der Mannesgestalt trug vier Gesichter, doch das nach Süden blickende Antlitz war abgeschlagen worden, was die Statue noch grotesker wirken ließ.

 

Das Gasthaus Zum roten Widderhorn war schnell gefunden, und wir traten in einen rustikalen Gastraum mit warmem Kaminfeuer, vor dem ein Mann an einem Löffel schnitzte. Er stellte sich als Rego vor, Vertretung der Wirtin und ihres Mannes, die gerade in Festum weilten. Wir wählten einen Tisch und genossen die Wärme des Feuers.

Nachdem wir bestellt und ein paar Worte mit Rego gewechselt hatten, betrat unsere Überraschung den Schankraum: Olko Knaak! Ich war froh, den Magier gut gelaunt zu sehen, denn bei unserer letzten Begegnung, oben am Weißen See, hatten wir ihn mehr als trübselig zurückgelassen. Er sagte, er sei zurzeit Alazers Gehilfe und zusätzlich Küchenjunge. Natürlich ließ er es sich nicht nehmen, uns ein Glas Hochprozentigen einzuschenken, aber ich konnte meines Bolgar unterschieben, und damit waren wir beide glücklich.

Wir berichteten Olko von den jüngsten Ereignissen um den Korritter. Daraufhin holte er den vielbeschäftigten Magister Alazer, dessen herausstechendste Kennzeichen, abgesehen von der Robe, seine Halbglatze und der Schnurrbart waren, und wir durften alles noch einmal erzählen. Nachdem der Magister kurz angebunden wieder gegangen war, raunte Rego uns zu, dass Alazer momentan nicht gut auf Wippflügler zu sprechen sei, denn der habe dessen neuste Abhandlung kritisiert. Ach – dass diese Magier ihre eigene Weisheit nur immer allzu ernst nehmen müssen!

Unser Magier jedenfalls war sich nicht zu schade, der Kutscherin Marja eine Schale (zugegeben angebrannten) Eintopfes zu bringen und ihr eine halbe Stunde Gesellschaft zu leisten.

 

Dann kam es, wie es kommen musste. Ein Kartenspiel – und ja, ich endete betrunken. Hätte ich doch nur zugelassen, dass wir um Geld spielten! Dann wäre den anderen wohl nie der Gedanke gekommen, ein Trinkspiel daraus zu machen – wobei, wer weiß das schon?

Anfangs lief es richtig gut für mich; wie Innuendo gewann ich zwei Spiele. Doch es kam die Runde, da auch ich ein Glas leeren musste. Was auch immer Olko uns spendiert hatte, es schmeckte abscheulich. Jeder von uns bekam seinen Teil ab, nur Innuendo verlor kein einziges Spiel und blieb nüchtern. Am schlimmsten erwischte es Bolgar – aber für seinesgleichen ist es ja bekanntlich ein Segen, abends sternhagelvoll im Schankraum einzupennen.

Mir war der Rausch eher unangenehm. Rasch verschwamm meine Sicht, und meine Gedanken wurden luftig wie Wolken. Doch meine Beine konnte und wollte ich noch gebrauchen, und so überredete ich Innuendo, mich auf meinem abendlichen Spaziergang zu begleiten. Erinnere ich mich recht, dass er sich Sorgen machte, ich könne in die Sümpe fallen? Vielleicht behauptete er auch, sich ebendies herbeizuwünschen – ich weiß es nicht mehr genau.

Wie schon so oft, war es auch heute wieder seltsam, allein mit ihm zu sprechen. Es war, als sei er gleichzeitig ein Freund und ein Fremder. Ja, er mochte seine Gründe dafür haben, nicht mehr über sich zu verraten – und doch schmerzte es, dass ein Mensch, mit dem ich seit nunmehr einem Jahreslauf unterwegs war und in engem Kontakt stand, mir immer noch nicht vertraute, und, anstatt auf mein Verständnis zu hoffen, nur alberne Witze darüber machte. Ich beschloss, ihn nicht noch einmal zu fragen. Dabei könnte er alles ändern! Wenn er nur etwas offener wäre, hätte er vielleicht schon mein Herz gewonnen. Aber, Satuaria weiß, ich will vorher wissen, mit wem ich mich einlasse. Da lobe ich mir wahrlich das einfache Bauernvolk. Alrik, Sohn von Alwin, fleißig auf dem Feld, gut im Bett. Ein Glück, dass ich nicht noch ein Glas getrunken hatte, und meine Ansichten für mich behielt.

Wir sprachen nicht viel und gingen nicht lang, denn Innuendo fror, und selbst ich fröstelte bald, ob nun wegen des Wetters oder der Stimmung. Im Mehrbettzimmer bei den anderen legten wir uns nieder.

Hatte ich es nur geträumt, oder hatte Innuendo im Schlaf etwas von 5000 Goldmünzen unter den Bodendielen gemurmelt?

Zur Übersicht