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11.
Boron

Der gehenkte Mörder und sein Ende

In den sehr frühen Morgenstunden erreichen wir Gregorsdorf. Avessandra klopft am Praiostempel, Linjan öffnet und bittet uns herein, um den Rest der Nacht drinnen zu verbringen. Er berichtet, dass es heute Nacht in Tiefenbach keinen Toten gab: Sein Verwandter Peradan konnte fliehen, rannte bis nach Gregorsdorf und kam erst vor einer halben Stunde hier an. Der mordende Ritter hatte wohl aufgegeben. Nachdem Linjan seinerseits erfahren hat, was wir in Erfahrung bringen konnten, legen wir uns alle für den Rest der Nacht zur Ruhe, denn für heute Nacht scheint die Kreatur ihr Werk vollbracht zu haben – erst in der morgigen Nacht sind weitere Verwandte des Praiosgeweihten in Gefahr. Doch bis dahin, dazu sind wir fest entschlossen, werden wir ihr das Handwerk legen.

In Begleitung Linjans brechen wir sehr früh auf und erreichen bei Sonnenaufgang die Kreuzung der beiden Pfade des Mörders. Nach einem langen Fußmarsch auf Schneeschuhen – dieses Mal steige auch ich nicht auf meinen Wanderstab – sind wir an der Grabstätte mit dem Wappen angelangt und der Geweihte bereitet alles für einen Grabsegen vor, der dem Ganzen ein Ende setzen soll.

Doch kaum dass er mit seinem Werk begonnen hat, hält er inne. Das Grab sei, ganz wie es sich gehöre, von Boron gesegnet, so sagt er, und er könne unmöglich einen weiteren Segen darauf sprechen.

Wir sind ratlos. Dann äußert Bolgar die Vermutung, der Zorn und die Rachegelüste des Wesens könnten womöglich gar nichts mit dem Grab zu tun haben, sondern vielmehr an der Rüstung kleben – er fragt, ob es möglich sei, das Herrenhaus Praios zu weihen, während das Wesen sich noch darin befindet, oder auch, ob man es auf geweihten Boden locken und dort läutern könne. Doch Linjan ist anderer Meinung. Er befürchtet, der Korspieß könne ihn bei einer Weihe stören, meint aber vor allem, die Götter seien in diese Angelegenheit nicht verwickelt. Er vermutet einen magischen Hintergrund und befragt Boromeo.

Boromeo scheint in der Tat einen weiteren Gedanken zu haben, doch welcher das ist, entgeht mir, denn Innuendo witzelt: „Schlimmer als ein nackter Hauptmann Timpski kann es nicht sein.“

Erheitert brechen wir zum Herrenhaus auf – und finden nicht etwa die auf dem Trümmersitz thronende Gestalt vor, sondern nur die schäbigen Rüstungsteile samt Waffe. Innuendo kann das rostige Metall berühren, ohne irgendwelche Schäden davonzutragen. Bolgar fackelt nicht lange, sondern reißt sich Korstab und Helm unter den Nagel und schleppt sie nach draußen. Diese Zwerge soll mal einer verstehen!

Und doch, in unserem Fall ist seine Idee nicht die schlechteste. Wir nehmen auch die restlichen Rüstungsteile an uns – Linjan soll sie auf geweihten Boden bringen. Aber wird das den Mörder tatsächlich stoppen, oder wird er in anderer Gestaĺt wiederkehren? Nach längerer Diskussion greifen Bolgar und Boromeo zu den Schaufeln und legen in dreistündiger Arbeit einen der drei Treppenabgänge frei. Ein verschütteter Keller voller efeuartiger Ranken öffnet sich uns. Besonders unter dem Thron wuchern die Pflanzen. Ich frage mich, wie sie hier unten überleben, finde jedoch keine befriedigende Antwort.

Boromeo hat einen verrückten Einfall und testet, wie die Ranken auf die Hitze seiner Fackel reagieren. Es knistert und sie weichen zurück, was ich sehr befremdlich finde. Zum Glück können wir den Zwerg von der Idee abbringen, sämtliches Wurzelwerk hier unten mit Lampenöl anzuzünden. Wer weiß, wozu das geführt hätte.

Wir kehren wieder zum Boronanger zurück, und Avessandra und Linjan durchsuchen ihn bei Tageslicht – auch diesmal ohne Erfolg.

Schließlich hat Boromeo es satt. Er lässt sich von dem Praiosgeweihten versichern, dass Boron sich nicht daran stören wird, wenn er ein 700 Jahre altes Grab aufgräbt, sticht seinen Spaten in die Erde und legt los.

Bolgar schließt sich an, und mit jedem neuen Spatenstich lassen Resonanzen die Umgebung erzittern. Doch wir werden nicht angegriffen. Bald stoßen sie auf eine riesige Steinplatte, die den Zugang zu einer Treppe abdeckt, als sei sie nachträglich aufgelegt worden. Mit vereinten Kräften hebeln wir den Zugang auf. Wir finden uns in einer Art Gang wieder, in dessen Wände Nummern und Ziffer geritzt sind – sie erinnern an Steuermarkierungen an Vorratsspeichern. Dann erreichen wir die Gruft. Doch sie ist kaum als solche zu erkennen, denn alles hier unten ist von Ranken bewachsen, mehr noch als unter dem Herrenhaus.

Am auffälligsten aber ist die grausige Erscheinung, die sich uns in der Mitte des Raumes auftut: Aus einem fast vermoderten Sarg wachsen Ranken in die Luft und halten einen matt grünlich leuchtenden Totenschädel in der Schwebe, der pulsiert wie ein Herz.

Boromeo wird durch den Odem Arkanum eine Vision aus früheren Zeiten offenbar: Ein rege besuchter Marktplatz, eine Menschenmenge, das Gesicht eines Mannes im Praiosornat, der sich umdreht und fort geht. Lodernder Zorn auf diesen Geweihten durchflutet die Vision. Als nächstes blickt er aus erhöhtem Stand auf die voll erblühte Siedlung – sein letzter Gedanke ist es, den Geweihten tot zu sehen. Dann nur noch Schwärze.

Boromeo kehrt ohne Probleme aus der Vision zurück und berichtet uns von den hasserfüllten letzten Gedanken des hingerichteten Korritters. Ohne Vorwarnung wirkt er dann einen Ignifaxius und der Totenschädel erglüht in einem Feuerball.

Schwarz verkohlt rollt das Ding Avessandra vor die Füße. Sie zertritt es gründlich.

Wir bemerken sofort die Veränderung. Das grünliche Leuchten erlischt, das Pulsieren ebbt ab. Wir sind uns sicher: Durch den Korritter wird es wird keine Toten mehr geben.

Erstellt von Sue
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