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10.
Boron

Auf der Spur des Korritters

Wir besteigen die Kaleschka und erreichen am späten Mittag den Kreuzungspunkt der beiden Wege, die der unbekannte Mörder zurückgelegt hat, ein Stück vor der Ortschaft Tiefenhag. Eine längliche Senke, wohl ein ehemaliger Hohlweg, führt querfeldein Richtung Wald.

Wir lassen Marja und die Kaleschka zurück und folgen auf Schneeschuhen dem Hohlweg. Nach zwei Meilen stoßen wir auf die Überreste eines Wohnhauses und eine riesige Eiche, dahinter eine Allee und ein bewaldetes Tal. Fußspuren entdecken wir keine, auch nicht in dem verfallenen Gebäude, doch ein tief hängender Ast der Eiche weist eine alte Vernarbung auf – hier könnte vor Jahrhunderten einmal ein Seil gehangen haben. Wurde hier der Korjünger gehenkt?

Im Türstock des Gebäudes sind verschiedene Hinrichtungsszenen in Stein gemeißelt und wir untersuchen den Boden genauer – Innuendo und Bolgar hoffen eine verschüttete Bodenluke zu finden.

Da Avessandras Dolch sich als schlechtes Grabwerkzeug erweist, fliege ich los und hole zwei Schaufeln aus der Kaleschka. Derweil findet Avessandra weitere Mauerreste am Waldrand. Es sieht ganz nach einer seit Jahrhunderten verlassenen Siedlung aus.

Mit Hilfe der Schaufeln legen Bolgar und Boromeo in einer Ecke des Gebäudes in dreistündiger Arbeit eine Treppe frei. Sie führt in einen alten Gewölbekeller. Muffige Grabesluft schlägt uns entgegen; beleuchtet von Boromeos Flimflam-Licht finden wir diverse Foltergeräte vor, jedoch keine alten Papiere, Schätze oder sonstige Geheimbereiche.

Mittlerweile ist es dunkel geworden. Als wir gerade wieder in Richtung Kaleschka aufbrechen wollen, vernehmen wir knarrende Schritte auf Holz aus Richtung der ehemaligen Siedlung. Ist es der unheimliche Ritter, auf dem Weg zu einer neuen Mordtat?

Avessandra ist die Schnellste und kann einen riesigen, humanoiden Schatten ausmachen, der ihren Rufen jedoch keine Beachtung schenkt, sondern sich in gerade Linie von uns weg bewegt. Wir kommen auf einem lichten Waldfleck wieder zusammen. Bolgar und Avessandra beschreiben die Spuren des Unbekannten als länglich und riesig, und doch anders als normale Fußspuren – die Konturen sind nicht scharf abgegrenzt, etwas ist ungewöhnlich, doch vorerst haben wir keine Erklärung dafür.

Die Gruppe trennt sich. Avessandra und der widerwillige Innuendo (mit einem Flimflam von Boromeo auf der Schulter) verfolgen die Gestalt, während wir übrigen der Spur in die andere Richtung folgen, in der Hoffnung, die Ursache der nächtlichen Morde zu finden und zu beseitigen. Dabei leuchtet uns ein Licht Boromeos über den Baumwipfeln den Weg.

Der Spur folgend erreichen wir ein verfallenes Herrenhaus, in dem jede Menge Unterholz wuchert. Nichts in dem Raum lässt darauf schließen, dass hier einmal Menschen gelebt haben – einzig ein sehr seltsamer Schutthaufen am Kopfende des Raumes zeichnet sich ab. Er hat unverkennbar die Form eines Sitzes oder Thrones. Um ihn herum und im ganzen Zimmer sind die seltsamen Fußspuren des Wesens verteilt, als sei es hier ruhelos umhergewandelt. Der Boden, auch außerhalb der Mauern, weist zwar keine Besonderheiten auf, doch Bolgar erkennt drei verschüttete Treppenabgänge. Ich untersuche den Trümmerthron genauer und stelle fest, dass das Gestein übersät ist von Kratzern wie von rostigem Metall.

Außerdem stößt Boromeo über der Eingangstür auf das Relief eines Wappens – drei Äxte. Er zeichnet es ab.

Was sich in der Zwischenzeit bei Avessandra und Innuendo zutrug

Unsere beiden Gefährten folgten der Spur durch den Wald und holten bald die dunkle Gestalt ein, die sich menschlich, jedoch riesenhaft, und bestückt mit Hörnerhelm und Korspieß, auf die nächtliche Silhouette Tiefenhags zubewegte. Deutlich konnten sie die rostige, löchrige Rüstung erkennen, und darunter unnatürlich sehniges Gewebe, das in ständiger Bewegung zu sein schien – es glich mehr Wurzeln denn Fleisch. Langsam aber zielstrebig schritt die Ungestalt voran, und selbst das klirrend kalte Bachbett konnte sie nicht aufhalten, wohl aber ihre Verfolger. Weder ein von Innuendo geworfener Schneeball noch Avessandras zunächst wohlwollende, dann beleidigende Worte konnten die Kreatur stoppen. Sie bewegte sich auf eines der Gebäude zu, um erneut ihrem Mordwerk zu frönen. Gerade noch rechtzeitig erwachten die beiden bedrohten Bewohner durch die Warnrufe der Gefährten und flohen vor der Kreatur, bis alle drei außer Sicht waren.

Avessandra und Innuendo betrachteten ihr Werk als getan und eilten zurück zu uns; Boromeos Licht wies ihnen den Weg.

Nachdem die Gruppe wieder vereint ist und wir von den neuesten Ereignissen Kenntnis erlangt haben, haben wir immerhin eine Erklärung für die seltsamen Fußspuren der Kreatur: Es sind keine Füße, sondern Wurzeln. Hat auch in diesem Falle die Kraft der Natur sich erhoben? Aber weshalb werden dann systematisch Verwandte des Praiosgeweihten Linjan getötet?

Boromeo fragt die geschichtlich bewanderte Avessandra nach dem Wappen mit den drei Äxten, doch da die Farben fehlen weiß sie nur zu sagen, dass es mindestens ein halbes Jahrtausend alt ist und wohl seit der Zeit der Theaterritter nicht mehr im Einsatz war.

Wir verlassen das Gebäude und sehen uns in der Umgebung nach auffälligen Pflanzen oder Bäumen um, denn Avessandra erinnert sich an einen Hinweis in der Berichten über die Erhängung des Korjüngers vor 700 Jahren, worin von stark verdichtetem Bewuchs um die Umgebung seines Grabes die Rede war – die Siedlung musste daraufhin aufgegeben werden. Kein Zweifel, in genau dieser Siedlung befinden wir uns jetzt.

Tatsächlich stellen wir fest, dass die Sträucher und Dornranken zwischen den Bäumen besonders in südlicher Richtung stark wuchern und stoßen auch bald auf die Mauer des alten Boronangers. Bolgar erklettert sie und blickt auf ein zugewachsenes Gebiet mit umgestürzten Statuen, Grabplatten, Steinsarkophagen und vor allem Trümmern, er kann jedoch keine Gebäude oder Krypten ausfindig machen. Einzig im Südosten neben dem Gelände erkennt man die verfallenen Reste des Schreins.

Durch eine Hecke am Ostrand des Geländes gelangen wir auf den Boronsanger. Boromeo untersucht ein paar Gräber, stößt aber auf nicht Ungewöhnliches – nur ein Firunssymbol und ein paar nichtssagende Namen. Innuendo und ich kämpfen uns durch die Brombeerranken und durchsuchen den Boronsanger genauer, nach Wappen, besonderen Pflanzen oder auffälligen Grabmälern, geben aber nach einer Stunde frustriert auf.

Währenddessen sehen sich die anderen den Außenbereich genauer an, und tatsächlich stößt Boromeo unter einem Baum auf einen übergroßen Kieselstein, der das Wappen mit den drei Äxten zeigt. Sofort rammt er den Spaten in den Boden, doch ein mehr sphärisches als wirkliches Erbeben der Gewächse in der Umgebung lässt ihn innehalten. Sein Odem Arcanum ergibt nichts Ungewöhnliches, und doch nimmt er hinter dem Baum eine stark magische Präsenz wahr, die jedoch verborgen ist wie hinter einer verschlossenen Türe. Und in diesem Moment kommt ihm ein Geistesblitz, der bisher keinem von uns bezüglich der jüngst beobachteten Anomalien der Natur in den Sinn kam: Hier liegt ein Übergang zu einer anderen Sphäre verborgen. Und nicht etwa zur Sphäre des Dämonischen, nein, zur Sphäre der Elemente.

Just in diesem Moment vernehmen wir Geräusche aus Richtung des Herrenhauses – der mordende Ritter ist heimgekehrt. Ob er sein Opfer ausgelöscht hat wie die vorigen?

Der langen und fruchtlosen Diskussion um Kampf oder Flucht macht Avessandra ein Ende, indem sie eine Liturgie für unbekannte Sprachen auf sich selbst anwendet und dem Wesen gegenübertritt. Sie schlüpft durch das dunkle Loch des Eingangs in das Gutshaus; ich folge ihr und lausche ihrer beeindruckenden Rede an das dunkle Wesen, ihren Bitten um Milde und ihren Hilfsangeboten. Doch entweder ist die Kreatur nicht daran interessiert, in Frieden zu ruhen, oder sie versteht Avessandras Worte nicht, ist keiner Sprache fähig. Auch die anderen haben sich im Gutshaus versammelt, kampfbereit. In der Dunkelheit vermögen nur Bolgar und ich zu erkennen, wie sich fortlaufend Stücke des Wurzelgewebes von dem Korjünger lösen und im Boden verschwinden, während andere Ranken aufsteigen und sich der Wesenheit anschließen. Es ist grotesk. Es gelingt mir, die immer noch redende Avessandra aus dem Gutshaus zu ziehen und alle gemeinsam kehren wir zum Baum am Grab zurück. Auch der Baum reagiert nicht auf Avessandras Ansprache.

Nun lautet die große Frage: Sollen wir uns auf einen Kampf gegen ein unbekanntes Wesen einlassen, das sich ständig selbst erneuert? Ist das Risiko vertretbar, trotz des Zitterns der Umgebung das Grab weiter zu öffnen? Und könnten wir das, was uns darin erwartet, überhaupt bewältigen?

Wir entschließen uns für die sicherere Variante und brechen auf, um den Praiosgeweihten Linjan zu informieren oder sogar einen Borongeweihten hinzuzuziehen, der den Grabsegen erneuern soll.

Zur Mitte der Nacht erreichen wir endlich wieder die Kaleschka und schlafen während der Rückfahrt nach Gregorsdorf; Boromeo auf dem Kutschbock, nachdem er Marja alles berichtet hat.

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