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3.
Travia

Die Verfolgung - Tag 7, Die Diplomatin der Diplomaten

Noch müde vom fehlenden Schlaf sollte ich heute Morgen einen weiteren Erkundungsflug unternehmen, diesmal Richtung Westen. Ganze 30 Meilen weit sah ich nichts als zerklüftete Täler und Schnee, so weit das Auge reichte. Ob ich wohl mehr entdeckt hätte, wenn Bolgar sich nicht geweigert hätte, mir sein Fernglas zu leihen? Ich hätte es auch wirklich gut festgebunden! Aber der Zwerg war wie immer stur geblieben und hatte nur wortlos den Kopf geschüttelt.

Nach meiner Rückkehr wurde ich erneut losgeschickt, und zwar zu Aljeg Ragaschoft, dem Händler, der mit seiner Kaleschka verunglückt war.

Langsam war ich es Leid, mich um die Probleme anderer zu kümmern, besonders, wenn ich diese nicht gerade in guter Erinnerung hatte. Aber ich war nun einmal auserkoren, Informationen aus ihm herausbekommen. Ob ich da die richtige Wahl war? Ich ließ mir vom kopfschüttelnden Boromeo 5 Dukaten geben, um den Mann notfalls bezahlen zu können. Wenn ich eines über Händler wusste, dann, dass sie für Gold zu allem bereit sind.

Auf dem Hinflug sah ich nach den Trollen. Sie hatten sich ein Stück nach Westen bewegt, waren aber noch gut zu erkennen. Offenbar hatten sie es nicht eilig.

Die Kaleschka ähnelte einem Schneegipfel, als ich anlangte, und aus dem Inneren erklang selbstmitleidiges Wimmern. Ich klopfte.

Um es kurz zu machen: Meine diplomatische Mission verlief nicht erfolgreich. Ich erfuhr zwar, was ihm Kurioses zugestoßen war – ein Troll hatte ihn überfallen und ihm seine Honigladung geraubt –, doch wir wurden uns nicht einig, und obwohl ich ihm hätte helfen können, wollte er keine Informationen darüber herausrücken, wer hier möglicherweise vorbeigekommen war. Kurzum: Der Mann war absolut uneinsichtig. Zugegeben, ich war auch nicht gerade freundlich zu ihm. Als er sich selbst gegen Ende der Unterhaltung noch arrogant und fordernd zeigte, bekam er meine ganze aufgestaute Wut zu spüren – ich verfluchte ihn. Bald schon würden ihm Warzen sprießen. (Anm: Rashkas Spielerin Sue war sich der heftigen Auswirkungen einer solchen Tat nicht bewusst. ;) Sie hatte eher die Größenordnung eines Streichs im Sinne.)

Bei meiner Rückkehr gab ich Boromeo sein Gold zurück und berichtete von dem unglücklichen Gespräch, verschwieg aber wohlweislich meinen Fluch. Die anderen, insbesondere Leudara, ärgerten sich, dass ich dem Mann nicht geholfen hatte; ich hingegen ärgerte mich immer noch über ihn.

Die Gruppe beschloss, einen mehrstündigen Marsch zu unternehmen, um ihm zu helfen. Wir fanden aber nur die engeschneite, unbemannte Kaleschka und das tote Pferd vor. Ich wurde der Spur des Händlers hinterhergeschickt – schon wieder! –, die auf der Straße nach Osten führte, um ihn zurückzuholen, während die anderen die Kaleschka aufstellen sollten. Innuendo erklärte sich bereit, eventuell zurückgelassene Wertsachen sicher zu verwahren, doch Boromeo hielt ihn davon ab, die Kaleschka auch nur zu betreten.

Ich flog also los. Nach einer Strecke, die einer Wegstunde zu Fuß entsprach, sah ich Aljeg Ragaschoft vor mir auf der Straße reiten. Ich flog einen Bogen und und erschien vor ihm am Straßenrand.

Die Götter zum Gruße!“, rief ich überschwänglich. „Hilfe ist bereits angekommen!“

Doch er ritt wie vom Hafer gestochen an mir vorbei, ohne zu antworten. Wollte der Schafskopf sich nicht helfen lassen?

Ich versuchte es noch einmal, indem ich mich ihm erneut ein Stück wegaufwärts zeigte, und ihm wieder denselben Gruß zurief. Sein Gesichtsausdruck in diesem Moment war wirklich sehenswert; und ja, ich konnte sogar ein paar Warzen entdecken.

Nun, da ritt er dahin. Hatte ich ihm nicht bereits gesagt, er habe die Chance auf einen Neuanfang? Ich hatte nicht zu viel versprochen.

Ich bestieg meinen Wanderstab. Ach, das hatte gut getan! Nach dieser Aktion fühlte ich mich gleich wieder umgänglicher.

Nur Leudara durfte keinesfalls erfahren, was geschehen war, sonst hätte ich ernste Probleme. Ich würde die anderen wohl ein wenig beschwindeln müssen. Ohnehin glaubte ich, dass der Halsabschneider uns nicht viel hätte sagen können. Da waren mir die fünf Dukaten in Boromeos Tasche noch allemal lieber.

Ich würde den anderen erzählen, dass Aljeg Ragaschoft bereits Helfer gefunden habe, und er in unserer Angelegenheit leider nicht weiterhelfen könne. Das sollte genügen.

Auf dem Rückflug ließ ich unsere Lage betreffend des Auftrags noch einmal Revue passieren. Alles um uns herum war weiß, wir verfolgten seit Tagen mit Tuminkas Hilfe einen Becher Honig, der sich hoffentlich noch immer im Besitz der Goblins befand, und waren nun auch noch eine halbe Tagesreise nach Süden abgerutscht. Ich hoffte sehr, Tuminkas abendliches Ritual würde keinen allzu großen Abstand ergeben. Andererseits wünschte ich den Goblins, dass sie nie wieder Timpski oder Jaroslaw in die Finger geraten mochten. Ach, diese ganze Mission machte mich zwiegespalten. Das hatte schon mit der Wiederbeschaffung der Trommel begonnen.

Aber irgendwie musste es weitergehen. Hatte Avessandra nicht scherzhaft angemerkt, wir sollten die Trolle befragen? Wer weiß, vielleicht hatte sie es sogar ernst gemeint. Mir war bei diesem Gedanken gar nicht wohl. Aber solange ich nicht wieder die Diplomatin spielen sollte, wäre die Sache nicht ganz aussichtslos.

Erstellt von Sue
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