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26.
Efferd

Rashkas Rückkehr von der Hexennacht

Seit der Hexennacht trug ich diese ganz besondere Anspannung in mir, die mich immer befiel, wenn ich die Widersprüche meines Daseins fühlte. Die wilde, geheime Existenz der Hexen war so verschieden zu dem aus massenhaft ungeschriebenen Regeln bestehenden weltlichen Treiben, dass es mich jedes Mal ganz durcheinander brachte, wenn ich zurückkehrte.

Wie oft schon war ich der Verlockung der Freiheit erlegen und hatte alles stehen und liegen lassen – einst sogar meine kranke Mutter, nach einer der leidenschaftlichsten Hexennächte, die ich je erlebt hatte. Doch ich hatte es nie bereut. Sie hatte schließlich noch andere Kinder.

Heute ließ ich mich nicht dazu hinreißen, in irgendeine Himmelsrichtung davonzufliegen. Ich war zwar nicht gerade erpicht auf diese komplizierte Sache mit der Trommel, und Saturaia weiß, ich hätte mehr Lust gehabt, ein paar aufregende Wochen mit einem hiesigen Hexenzirkel zu verbringen. Doch wir hatten diese Sache gemeinsam begonnen, da konnte ich meine Gefährten nicht einfach allein mit dem Problem zurücklassen.

Mir war ein wenig bang. Was wohl inzwischen passiert war? Ob sie noch im Lager waren?

Ja, unsere Kaleschka war noch da, das sah ich gleich. Noch vor Kurzem musste hier gefeiert worden sein. Die Stimmung schien trunken bis schläfrig, nur Hauptmann Timpski und Leudara kratzten verbissen die verkohlten Reste von etwas aus dem Boden, das wie gegerbte Haut aussah. Was das etwa die Thorwalertrommel? Das wäre ja eine Neuigkeit, wenn sie doch noch zerstört worden war!

Ich grüßte die beiden nicht und ging direkt auf die Kaleschka zu. Die anderen waren allesamt wohlbehalten, bis auf Olko, der sehr lethargisch wirkte. Sie berichteten mir von den Ereignissen der jüngsten Tage, von den Verhandlungen, und davon, wie die Goblins zurückgekehrt waren, um die Trommel zu verfluchen und Rache zu nehmen. Ich hegte zwar nie eine besondere Zuneigung zu den beiden, aber ich verstand ihr Verhalten. Wir Hexen tun ja bisweilen Ähnliches. Nur gut, dass niemand bewaffnet gewesen war, als das Verhängnis losbrach.

Am nächsten Morgen würden wir also aufbrechen, um die Goblins zu verfolgen. Timpski hatte ein hohes Kopfgeld ausgesetzt, doch wir sollten sie ihm vorzugsweise lebend bringen. Olko würde uns nicht begleiten – ihm ging es alles andere als gut –, dafür aber Tuminka, die Zibilia der Norbarden, und die Rondrageweihte Leudara. Auf die engstirnige Leudara hätte ich gut und gerne verzichten können, aber immerhin kannten die beiden sich hier aus.

Auch ich hatte etwas zu berichten: Kurz nachdem ich von Norden her über Harden geflogen war, hatte ich zwei Frauen aus Richtung des Lagers kommen sehen, die eine blond mit Kämpferstatur, die andere dunkelhaarig. Keiner der anderen wusste, wer es gewesen sein könnte. Nun, jedenfalls keine Goblins!

Während wir uns noch im Vorzelt unterhielten, kam ein kräftger Räuchergeruch herein. Es war Zibilia Tuminka, die draußen ein Feuer entzündet hatte und mit Hilfe eines Rituals die Goblins ortete – oder vielmehr einen Honigtopf, den sie wohl bei sich hatten. Offenbar bewegten sie sich in zwei Tagesmärschen Entfernung Richtung Westen. Wie konnten sie bereits so weit fort sein?

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