Rashka

Wer Rashka sieht, der sieht auf den ersten Blick eine einfach gekleidete Frau Anfang 30, deren braunes Haar ihr offen über die Schultern fällt. Sie ist groß, schlank und doch unscheinbar. Erst auf den zweiten Blick bezaubern ihre grauen Augen und die elfischen Gesichtszüge.

Wer einen langen, dritten Blick wagt, der spürt vielleicht wie durch einen Nebelschleier ihre innere Wildheit, den Drang nach Freiheit. Doch keiner, der es nicht soll, sieht die Magie Satuarias, die sie durchfließt wie das Blut ihre Adern.

In einer Tasche unter ihrem Mantel verbirgt Rashka die Koschkröte Runar, ihren Vertrauten. Sie fliegt auf einem gewundenen Stab aus Silberweide.

 

 

 

Von klein auf verspürte ich den Drang fortzugehen aus Nostria.

Ich wollte fort von meinen Geschwistern und ihren leeren Worten, fort von Mutter, die bitter geworden war in ihrer Stummheit – oder umgekehrt? Sie kümmerte sich um Haus und Kinder wie jede Frau, doch niemals hatte ich auch nur eine Silbe von ihr vernommen. Das erste und einzige Geschöpf der Natur, das ich je mit ins Haus brachte, erschlug sie mit einem Besen. Und jeden Abend starrte sie in das Feuer, starrte und starrte, bis es erlosch.

 

Bevor ich bitter werden konnte wie sie begegnete mir Alaraloth Abendwanderin, eine Tochter der Erde.

Sie sah, dass ich anders war.

Ich war eine Hexe wie sie, und ich lernte von ihr, viele Jahre lang.

 

 

Alaraloths Tod folgte der Tag, an dem ich mir meinen lang gehegten Wunsch erfüllte. Es war Mittsommer und Hexennacht, und ich sah die Funken des großen Feuers in den Himmel stieben. Da wusste ich, ich würde nicht länger meine alte, stumme Mutter versorgen. Ich hatte das Recht zu tanzen wie ein wilder Funke! Nicht irgendwann – noch heute Nacht.

 

 

Der Süden in seiner Fremdheit ängstigte mich, und Thorwal und die Orklande im Norden schienen mir zu grausam, also wandte ich mich gen Osten.

 

Als friedliche Heilerin zog ich umher, und im Geheimen sprach ich Flüche über jene, die es verdient hatten – ein solchiger findet sich immer.

Dann und wann suchte ich die Gesellschaft anderer Menschen, und wenn ein Mann mir gefiel und mein Vertrauen genoss, blieb ich eine Weile bei ihm. Aber sobald der Freiheitsdrang in mir die Oberhand gewann, flog ich fort und kehrte nie zurück.

 

 

Ja, es ist ungewöhnlich für eine Tochter der Erde, auf Reisen zu sein. Doch eigentlich fühle ich mich nicht wie eine Reisende. Ich bin, wo ich bin, und wo eine Sache endet, beginnt eine neue.

Es ist tröstlich zu wissen, dass ich fort kann, wann immer ich möchte. Solange ich die Gunst meiner Schwestern besitze und Runar bei mir ist, habe ich was ich will.

 

 

Satuaria lenkt meine Wege.

Mit den Jahren gelangte ich vom westlichen Meer bis an das östliche, bis ins Bornland.

 

Niemals hätte ich geglaubt, dass die Hektik einer großen Stadt wie Festum mir gefallen würde. Sie gefällt mir auch nicht – aber ich finde mich zurecht. Ich mag es, in der Menge unterzutauchen wie ein Mäuschen in einer Wiese.

 

Meine derzeitigen Gefährten sind raubeinig, diebisch, listig, versoffen und umtriebig, doch es ist Verlass auf sie. Und obgleich sie kaum etwas über mein Leben wissen, glaube ich fast, sie verstehen mich ein bisschen.

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